https://www.faz.net/-gpf-9g0ce

Deutsch-deutsche Gemeinsamkeit : Hohe personelle Kontinuität

  • -Aktualisiert am

Der Staatssekrtetär Dr. Hans Globke im Februar 1963 Bild: Picture-Alliance

„Belastete“ Beamte konnten nach 1945 in Ost und West weiterarbeiten. Die DDR verschelierte das aber besser.

          Im Oktober 2010 erschien unter dem Titel „Das Amt und die Vergangenheit“ eine von einer unabhängigen Historikerkommission verfasste Studie, die sich mit der Rolle des Auswärtigen Amtes im nationalsozialistischen Deutschland und den Kontinuitäten der Personalpolitik bis in die Bundesrepublik Deutschland beschäftigte. Die zentrale These der Publikation war, dass Beamte des Auswärtigen Dienstes entgegen dem Mythos zwischen 1933 und 1945 massiv in die Verbrechen des Nationalsozialismus eingebunden waren. Zudem sei diese Verstrickung nach 1945 nicht nur nicht thematisiert worden, sondern viele der in der NS-Zeit aktiven Diplomaten seien sehr schnell wieder in den auswärtigen Dienst zurückgekehrt. Das Buch löste eine öffentliche Kontroverse aus, die dazu führte, dass die Frage nach der Weiterbeschäftigung nationalsozialistischer Beamter in den Bundesbehörden inzwischen ein Großforschungsprojekt der Geschichtswissenschaft geworden ist.

          Wie so oft war das Problem nicht neu. Schon den Zeitgenossen war schnell aufgefallen, dass es vielen der Beamten des nationalsozialistischen Deutschlands nach 1949 gelungen war, wieder in den Dienst zurückzukehren. Während die Befürworter der Integrationspolitik darauf verwiesen, dass man auch in einem neuen Staat die Expertise der alten Beamten benötige, stellten Kritiker die Ernsthaftigkeit des demokratischen Neuanfangs in Frage. In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung zu diesem Problem stark weiterentwickelt, und der vorliegende Band will eine Zwischenbilanz der Kontroverse ziehen. Die Beiträge untersuchen die Ministerien für Wirtschaft, Inneres, Justiz und den Bundesverfassungsschutz. Neu ist zudem, dass nicht nur die westdeutschen Bundesbehörden im Fokus stehen, sondern auch die entsprechenden DDR-Ministerien.

          Ein wichtiges Problem ist die Unschärfe des Begriffes der „NS-Belastung“. Selbst bei den Zeitgenossen wandelte sich die Einschätzung darüber, wer belastet war und wer nicht. So schrieb Konrad Adenauer 1946, dass sich das deutsche Volk „widerstandslos“ und „zum Teil mit Begeisterung“ habe gleichschalten lassen. Von den Verbrechen in den Konzentrationslagern und im Krieg gegen die Sowjetunion habe die Öffentlichkeit gewusst. Man müsse also, so schloss Adenauer, auch die einfachen Parteimitglieder der NSDAP bestrafen. Anfang der fünfziger Jahre differenzierte der Kanzler zwischen einfachen Parteigenossen und NS-Verbrechern. Politisch-pragmatische Überlegungen hatten zu einer Veränderung seiner Einschätzung geführt. Im neu entstandenen Bundesamt für Verfassungsschutz achtete man zu Beginn der fünfziger Jahre sehr genau darauf, keine Mitglieder der ehemaligen Gestapo aufzunehmen. Das galt aber nicht für ehemalige Bedienstete der Polizei oder der militärischen Abwehr, die zeitgenössisch nicht als spezifisch nationalsozialistisch wahrgenommen wurden. Heute weiß man das besser. Der Begriff der „NS-Belastung“ hatte also zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Behörden eine andere Bedeutung.

          In dem Beitrag über das Bundeswirtschaftsministerium wird zudem deutlich, dass viele der Mitarbeiter der wiedergegründeten Ministerien weniger die NS-Zeit als vielmehr die Zwischenkriegszeit als Referenzpunkt für ihre Arbeit sahen. Gerade der in diesem Haus in den fünfziger und sechziger Jahren gepflegte liberale Ansatz fand Anknüpfungspunkte in der Republik von Weimar und weniger im Nationalsozialismus. Das gilt teilweise auch für andere Bundesbehörden und zeigt, dass die Fokussierung auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 als Vorgeschichte der Bundesrepublik auch in dieser Hinsicht irreführend ist.

          Die neuere Forschung konzentriert sich zudem nicht alleine auf die Bundesrepublik Deutschland, sondern auch auf die DDR. In Bezug auf das östliche Deutschland dominierte lange Zeit die These, dass hier im Gegensatz zur Bundesrepublik tatsächlich eine politische Säuberung stattgefunden habe. Dies, so lässt sich nun festhalten, galt aber nur für das Ministerium für Staatssicherheit. Hier achtete die SED-Spitze in der Tat darauf, keine ehemaligen Nationalsozialisten aufzunehmen. In anderen zentralen Behörden der DDR war man in dieser Hinsicht sehr viel weniger rigide. Insgesamt zeichneten sich hier ähnliche Muster ab wie in der Bundesrepublik Deutschland. Die Tätigkeit für das nationalsozialistische Deutschland wurde in den fünfziger und sechziger Jahren toleriert, wenn sich eine Person in überzeugender Weise für den neuen Staat engagierte. Gleichwohl versuchten beide deutsche Staaten in den fünfziger Jahren, dem jeweils anderen nachzuweisen, dass er in der Kontinuität des Nationalsozialismus stehe.

          Der hier vorliegende Sammelband zieht eine Zwischenbilanz. Wichtige Studien zu Behörden in beiden deutschen Staaten stehen noch aus. Interessant wäre es zu erfahren, wie sich die hohe personelle Kontinuität in der Staatsverwaltung in Ost und West auf konkrete Politik auswirkte. Im vorliegenden Band werden hierfür einige Beispiele gegeben, eine Systematisierung dieses Prozesses steht aber noch aus.

          Stefan Creuzberger, Dominik Geppert (Hrsg.): Die Ämter und ihre Vergangenheit. Ministerien und Behörden im geteilten Deutschland 1949–1972.

          Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2018. 213 S., 49,90 .

          Weitere Themen

          „Es sollte um die Sache gehen“ Video-Seite öffnen

          Rackete in Italien : „Es sollte um die Sache gehen“

          Sie habe den italienischen Behörden alle Details zu der Rettungsaktion genannt, die die Sea-Watch 3 am 12. Juni durchgeführt habe, sagte die Kapitänin Carola Rackete nach der Befragung durch die italienischen Beamten.

          Topmeldungen

          Annegret Kramp-Karrenbauer am Samstag beim feierlichen Gelöbnis neuer Rekruten zusammen mit Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr

          Annegret Kramp-Karrenbauer : Ein Versprechen beim Gelöbnis

          Als Parteichefin hat Kramp-Karrenbauer schwere Wahlkämpfe vor sich. Gleichzeitig will sie ihr Ministerium und die Truppe besser kennenlernen. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Sie verspricht nun, diese ernsthaft anzugehen – und verdient dabei Unterstützung, gerade aus der Bundeswehr.
          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.
          Emanuel Buchmann (vorne) und Thibaut Pinot (Zweiter von vorne) bei der Tour de France

          Tour de France : Buchmanns Glanzstück am Tourmalet

          Bei der Fahrt auf den berüchtigten Tourmalet ist Thibaut Pinot am Schnellsten. Zweiter wird ebenfalls ein Franzose, der das Gelbe Trikot behält. Emanuel Buchmann landet nach einer starken Leistung auf Platz vier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.