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Detektivarbeit : Transitland Österreich?

  • -Aktualisiert am

Der ungarische Außenminister Gyula Horn (r) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock (l) durchtrennen am 27. Juni 1989 ein Stück des „Eisernen Vorhangs“ zwischen Ungarn und Österreich bei Klingenbach. Bild: dpa

Österreich legte immer großen Wert auf seine Neutralität. Das machte das Land in der Endphase des Kalten Krieges so wertvoll.

          Österreich begann in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, zunehmend eine eigenständigere Politik gegenüber der DDR zu entwickeln. Offiziell hatte Österreich die DDR anerkannt, ohne jedoch das Fernziel aufzugeben, die deutsche Einheit am europäischen Horizont zu streichen. Insofern scheinen Parallelen zwischen der österreichischen und der Bonner Deutschland-Politik vorzuliegen. Österreich griff mit der Öffnung der Grenze von Seiten Ungarns am 11. September 1989 – kurz nach Mitternacht – unmittelbar in die Geschehnisse ein. Damit hatte die Grenze zum sogenannten Ostblock zum ersten Mal seit dem 13. August 1961 wieder einen Durchgang. Die rund 7000 ausreisewilligen DDR-Bürger, die in Ungarn warteten, durften das Land verlassen. Innerhalb von drei Tagen gelangten insgesamt 15 000 DDR-Bürger über die ungarisch-österreichische Grenze in die Bundesrepublik. Wien und Bonn – heute Berlin – haben insofern eine Tradition im Umgang mit Bürgern aus Drittstaaten. 2015 waren es wieder Flüchtlingsbilder aus Ungarn, die zum spektakulären Transfer über Österreich führten.

          Das Außenministerium in Wien übermittelte zur Grenzöffnung 1989 folgende Sprachregelung an alle weiteren Dienststellen in Österreich: „Wenngleich die DDR sowohl die BRD als auch Ungarn wegen dieser Aktion schärfstens angegriffen hat, waren von dieser Seite gegen Österreich während der ganzen Aktion keinerlei Vorwürfe zu registrieren. Aus Gesprächen mit Angehörigen der DDR-Botschaft in Wien war im Gegenteil festzustellen, dass seitens der DDR das Engagement des Österreichischen Roten Kreuzes und der österreichischen Behörden im Zusammenhang mit der Transitierung der DDR-Ausreisenden als eine der humanitären Tradition unseres Landes entsprechende Haltung beurteilt wird.“ Das liest sich wie ein gutes Stimmungsbild, eine Lage-Einschätzung, eine Bewertung der Aktion und zugleich ein Prädikat der eigenen Leistungen. So etwas findet man in internen Vermerken einer Regierung. Die österreichischen Historiker Michael Gehler und Maximilian Graf haben insgesamt 180 Dokumente jetzt in einer umfangreichen Aktenedition auf höchstem Niveau vorgelegt. Es ist naturgemäß eine Auswahl-Edition zum Thema Österreich und die deutsche Frage im Zeitraum von 1987 bis 1990. Dazu konnten sämtliche relevanten Bestände der im Archiv des Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres lagernden Botschaftsakten, außerdem die im Zwischenarchiv des Österreichischen Staatsarchivs befindliche Überlieferung der Politischen Sektion des österreichischen Außenministeriums sowie die Akten im Depositum des ehemaligen Bundeskanzlers Franz Vranitzky ausgewertet werden.

          Eine rund hundertseitige zeitgeschichtliche Einführung mit mehr als 400 Anmerkungen stimmt den Leser differenziert in die Zeitläufte ein. Vergleichbare Aktenauswertungen aus der Perspektive der Bundesrepublik Deutschland liegen zum einen über die Sonderedition Deutsche Einheit aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90 vor, die ähnlich aufgebaut daherkommt. Zum anderen gibt es die vierbändige aktengestützte authentische Rekonstruktion der politischen Entscheidungen „Geschichte der deutschen Einheit“ (DVA), die eine Gesamteinordnung aus politischer, ökonomischer und kultureller Perspektive vornimmt. Für Zeitgeschichtler und Politikwissenschaftler wäre es jetzt gut möglich, einen Vergleich zu starten. Wie liefen die Abstimmungsprozesse bilateral zwischen Bonn und Wien bzw. zwischen Ost-Berlin–Wien–Bonn? Das diplomatische Alltagsandere käme mit Sicherheit zum Vorschein.

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