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Kritik an Christopher Clark : Mit dem linken Auge sieht man schwächer

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Bild: AP

Die Erklärung für den Generalangriff von Klaus Gietinger und Winfried Wolf gegen Christopher Clark ist in ihrer Überzeugung zu sehen, der australische Historiker wolle die Deutschen mit Hilfe eines „historischen Rollbacks“ durch „Verkürzungen“, „Verdrehungen“ und „Verfälschungen“ weißwaschen.

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          Angesichts der Fülle von Büchern, Ausstellungen, Fernsehdebatten und Gedenkveranstaltungen aus Anlass des einhundertsten Jahrestags des Kriegsbeginns 2014 war absehbar, dass deren wissenschaftlicher Ertrag wie auch deren geschichtspolitische Funktion über den unmittelbaren Anlass hinaus Gegenstand kritischer Betrachtung sein würden. Einen Beitrag zur Dekonstruktion dieser Diskurse wollen beide Autoren – der eine ein Filmemacher, der andere ein Publizist und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Partei „Die Linke“ – leisten. Da aus ihrer Sicht Christopher Clarks aufsehenerregender Bestseller „Die Schlafwandler“ einen programmatischen, ja sogar einen ideologischen Charakter hatte, konzentrieren sie sich darauf, dessen Thesen zu widerlegen und die mit diesen angeblich verknüpften Botschaften zu entlarven. Das ist ein legitimes, wenngleich angesichts der vielen kritischen Rezensionen zu Clarks Buch keineswegs ein originelles Ziel.

          Neues haben Klaus Gietinger und Winfried Wolf dann allerdings nicht zu bieten. Ihre Analyse folgt in großen Schritten jenen Darstellungen der 1960er und 1970er Jahre, die in Anlehnung an Fritz Fischer die deutsche Hauptverantwortung für den Kriegsbeginn betont haben. Auffallend ist, dass diese Schilderung programmatisch mit den Kriegsverbrechen der Mittelmächte in Belgien und Serbien beginnt. Darauf folgen dann die üblichen Themen – der Übergang zur Weltpolitik im Jahr 1897, der preußisch-deutsche Militarismus, die Interessen des Großkapitals, die „Juli-Krise“ oder auch die deutschen Kriegsziele. Aus dem Rahmen fallen allerdings die Abschnitte über die Haltung der SPD zum Krieg vor 1914 und während der „Juli-Krise“. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, welche (von der neueren Kaiserreich-Forschung herausgearbeiteten) Aspekte demgegenüber geflissentlich ignoriert werden.

          Wenn Gietinger und Wolf sich nur darauf beschränkt hätten, Christopher Clarks Argumentation zu kritisieren, dann könnte man das ganze Buch weglegen in der Erkenntnis, dass hier von der Substanz nichts angeführt würde, was nicht schon vor einigen Jahren ausgiebig diskutiert worden wäre. Das kann man als Rezensent aber doch nicht. Denn das, was die beiden Autoren Clark vorwerfen, nämlich Geschichtswissenschaft, Geschichtspolitik und Politik in unzulässiger Weise miteinander zu vermischen, machen sie mit einer ungeheuren Chuzpe selbst. So wie aus ihrer Sicht Clark fälschlich versucht habe, neben der Entente auch Serbien die Schuld an der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zuzuschieben, so waschen Gietinger und Wolf dieses alles unter Rekurs auf den deutschen Kampf gegen Napoleon, der die Legitimität der Anwendung von Gewalt bei der Befreiung des eigenen Vaterlandes belege, rein. Slobodan Milosevic und sein Regime schließen sie dabei gleich mit ein. Auch Russland erscheint als reines Unschuldslamm – damals wie heute. Die russische Mobilmachung vom 31. Juli 1914, über die man ja trefflich streiten kann, wird völlig verharmlost – ebenso wie die Wladimir Putins völkerrechtswidrige Annexion der Krim, die vor dem Hintergrund des „Nato-Vormarsches“ in die Ukraine ganz nach russischer Lesart einfach als legitimer „Anschluss“ bezeichnet wird. Und um der SPD – deren historische Verantwortung Clark ignoriert habe – noch eins auswischen zu können, preisen die beiden Autoren bei der Schilderung der Massenstreikdebatte beziehungsweise der Haltung der SPD in der „Juli-Krise“ einmal mehr Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht als die einzigen wahren Sozialisten, und zwar bis heute.

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