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Der Mai 1968 in Paris : Eine Generation wird erwachsen

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Wenngleich die Mai-Bewegung außerhalb der städtischen und industriellen Zentren wie „ein Schauspiel“ wahrgenommen wurde, sollte sie die Regierung in eine kritische Lage bringen. In den Fokus des Missvergnügens geriet Staatspräsident de Gaulle, der die Revolte mit Unverständnis beobachtete und mit Härte niederzuschlagen wünschte. Nach Abbruch eines Staatsbesuchs in Rumänien machte ein Fernsehauftritt am 24. Mai alles nur noch schlimmer. De Gaulles Ankündigung eines Referendums über ein weitreichendes „Partizipations-Gesetz“ wurde in der Öffentlichkeit als reines Ausweichmanöver abgetan. Pompidou konzentrierte sich nun auf einen Bruch der ungleichen Allianz von Studenten und Arbeitern und vereinbarte mit Gewerkschaften und Unternehmern am 27. Mai das berühmte „Grenelle-Abkommen“. Doch trotz drastischer Lohnerhöhungen und Arbeitsverbesserungen sollte der Protest nicht verstummen. In einschlägigen Kreisen wurde die Parole ausgegeben, die Revolution sei möglich.

Zwei Tage später setzte sich de Gaulle in Begleitung seiner Frau zu den französischen Truppen nach Baden-Baden ab. Loth deutet die geheimnisumwitterte Reise als „letzten verzweifelten Versuch, die Führung des Landes wieder in die Hand zu bekommen“. Offenbar hoffte der Staatschef darauf, „ein Chaos“ zu schaffen, um zurückgerufen zu werden; sollte das nicht funktionieren, gedachte er, „ins Exil“ zu gehen. Doch es kam anders. Nach einem eindringlichen Gespräch mit dem Kommandierenden General Jacques Massu entschloss sich de Gaulle, den Kampf um die Macht sofort wiederaufzunehmen. Am 30. Mai kehrte er nach Paris zurück und ordnete auf Vorschlag Pompidous Neuwahlen zur Nationalversammlung an. De Gaulles Freude über den Erdrutschsieg der Gaullisten währte nicht lang. Da das Volk einem wichtigen Baustein seines Partizipationsprojekts, einer Verfassungsreform zur Bildung regionaler Zwischengewalten, am 27. April 1969 die Zustimmung verweigerte, trat er unverzüglich zurück.

Wie Loth überzeugend darlegt, begann der „Mai 68“ in Frankreich als Geschichte „vom Erwachsenwerden und der Politisierung einer Generation, die in demokratischer Freiheit und im wachsenden Wohlstand einer modernen Industriegesellschaft aufgewachsen“ war, sich von der Elterngeneration distanzierte und „eine bessere Gesellschaft“ zu schaffen hoffte. Zu einer landesweiten Revolte wuchs sich der universitäre Protest durch die mediale Übertragung der „Nacht der Barrikaden“ sowie die Mobilisierung durch strategisch erfahrene Studentenführer aus. Zu ihnen gehörte auch der „deutsch-französische Aufwiegler“ Daniel Cohn-Bendit, der dank des ihm zuwachsenden Charismas eine zentrale Rolle spielte.

Die von manchem erhoffte Revolution blieb jedoch aus. Am Ende des „Mai 68“ standen weder Umsturz noch Systemwechsel, sondern „eine Bekräftigung der demokratischen Ordnung“, die es allerdings erlaubte, das politische und gesellschaftliche System Frankreichs zu reformieren. Ob in diesen Wochen „beglückender Erfahrungen und verstörender Momente ein Zyklus in der französischen Geschichte begann, der mit den Präsidentschaftswahlen von 2017 endete“, wie der Einband des höchst lesenswerten Buches behauptet, sei allerdings dahingestellt.

Wilfried Loth: Der Mai 68 in Frankreich. „Fast eine Revolution“. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2018. 326 S., geb., 29,95 Euro.

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