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Enrico Berlinguer : Das Karamellbonbonpapier-Theorem

Enrico Berlinguer und Erich Honecker 1973 in Berlin Bild: Laif

Nicht viele Kommunisten können von sich behaupten, auch vom politischen Gegner geschätzt worden zu sein. Für den Italiener Enrico Berlinguer gilt das. Eine Biographie des Erfinders des „Eurokommunismus“

          4 Min.

          Bei seiner letzten Reise in die große Sowjetunion, aus Anlass der Beerdigung von Partei- und Staatschef Juri Andropow im Februar 1984, sagte Enrico Berlinguer, damals seit immerhin zwölf Jahren Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens (KPI), denkwürdige Sätze über den real existierenden Kommunismus: „Erstens, die Wahrheit sagt man so selten wie möglich. Zweitens, die Landwirtschaft funktioniert nicht. Drittens, es gelingt nie, das Papier von den Karamellbonbons abzuziehen.“

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Sätze, im Trauerzug in Moskau zwei mitgereisten Genossen aus Italien zugeraunt, sind eine Lebensbilanz, so bitter wie ironisch. Wenige Monate später erlitt Berlinguer, bei einem Wahlkampfauftritt in Padua, auf der Rednerbühne vor Tausenden Zuhörern, eine Hirnblutung. Am 11. Juni 1984, nach vier Tagen im Koma, starb Enrico Berlinguer. Er wurde 62 Jahre alt. An den Trauerfeierlichkeiten zwei Tage darauf in Rom nahmen 1,5 Millionen Menschen teil. Moskau schickte zur Beerdigung des italienischen Genossen das für Sowjetverhältnisse junge Politbüromitglied Michail Gorbatschow.

          Berlinguer und Gorbatschow waren sich erstmals 1972 in Turin begegnet, bei einem Kulturfestival der Parteizeitung „L’Unità“. Es wird berichtet, Berlinguer und Gorbatschow hätten sich auf Anhieb gut verstanden, bei späteren gelegentlichen Treffen ebenfalls. Sollte es in der Hölle oder im Himmel eine Abteilung für ehrenhaft gescheiterte Kommunisten geben, dann sitzen dort Enrico und Michail zum endlosen Gespräch beisammen: über die grundsätzlich mögliche, hienieden aber nie erreichte Vereinbarkeit von Demokratie und Kommunismus.

          Vorzügliche Übersetzung

          Berlinguer formulierte für sich und seine Partei folgenden Leitsatz: „Wir müssen Konservative und Revolutionäre sein.“ Wie er diese widersprüchliche Formel in seinem politischen Wirken, vom Beitritt zur KPI 1943 bis zum Aufstieg an die Spitze der größten kommunistischen Partei in einem westlichen Land 1972, mit Sinn und Leben zu erfüllen suchte, hat die italienische Journalistin Chiara Valentini in ihrer Biographie beschrieben. Valentini, 1944 geboren, hat in ihrer Laufbahn mehrfach Interviews mit dem KPI-Chef geführt. Sie macht kein Hehl aus ihrer Wertschätzung für diesen so untypischen Genossen. Dessen Leben erzählt sie chronologisch, dazu in einem Gestus, als hätte sie miterlebt, worüber sie berichtet. In Italien erschien das Buch 2014. Die vorzügliche Übersetzung ist mit einem Anmerkungsapparat für deutschsprachige Leser, einem kommentierten Personenverzeichnis und einer Zeittafel versehen. Damit wird die erste auf Deutsch erschienene Monographie über diese große Gestalt der italienischen und europäischen Geschichte, über deren Wirken von der Nachkriegszeit bis zu den Spätjahren des Kalten Krieges zugleich zum Kompendium und Nachschlagewerk.

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