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Linke in Amerika : „Revolutionäre Beziehungsweisen“

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Menschen marschieren zu dem Supermarkt in Buffalo, der am 14. Mai zum Tatort wurde. Bild: dpa

Politik findet in den Vereinigten Staaten vielfach außerhalb der großen Parteien statt. Ein Streifzug durch die „linke“ politische Landschaft.

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          Es bewegt sich etwas in den USA – und zwar links von dem, was viele gern die „Mitte“ nennen. Das zumindest ist die These des Buches „Uprising“ von Lukas Hermsmeier. Der Rede von der „Spaltung“ Amerikas hält der Autor einen anderen Blick entgegen: den auf Menschen, die mit alt-neuen politischen Ideen für eine bessere Zukunft kämpfen. Hermsmeier, der seit acht Jahren für deutschsprachige Medien aus den USA berichtet, beschreibt unterschiedliche Felder dieses Kampfes – und zwar abseits der Parteien. Er will zeigen, dass hinter prominenten linken Abgeordneten wie Alexandria Ocasio-Cortez Bewegungen stehen, die in den vergangenen Jahren die politische Landschaft verändert haben – und das nicht erst, seit Senator Bernie Sanders sie zu großen Vorwahlkampagnen bündeln konnte. Dazu gehört Black Lives Matter ebenso wie der Aktivismus von Native Americans gegen die Pipeline in Standing Rock, die neu erstarkende Gewerkschaftsbewegung und das Engagement für den Klimaschutz.

          Weil die Demokratische Partei keine Arbeiterpartei ist, sondern vielfältige Interessen versammelt, tragen Aktivistinnen Ideen wie eine allgemeine Krankenversicherung oft von außen in sie hinein. In den Vereinigten Staaten sind Parteien auch nicht in Ortsvereinsstrukturen organisiert, wenngleich es regionale Gruppen gibt. Die politische Arbeit vor Ort findet traditionell in Graswurzel-Organisationen und Gremien wie Schul- oder Nachbarschaftskomitees statt. Das erzeugt bei europäischen Beobachtern häufig den Eindruck, Amerikaner engagierten sich nicht politisch.

          Kein Reportage-Band

          Dem stellt Hermsmeier ein vielfältiges und lebendiges Bild entgegen. Er hat keinen Reportage-Band geschrieben, auch wenn einzelne Aktivisten ausführlich zu Wort kommen. Hermsmeier geht es um die politikwissenschaftlich grundierte Einordnung der Situation der Linken und ihrer strategischen Perspektiven, mit einem vergleichenden Blick auf Deutschland. Sein Zugriff ist nicht der eines „neutralen“ Beobachters, der politisch „beiden Seiten“ Raum geben wollte. Dieser Idee von Journalismus erteilt der Autor eine Absage, denn auch die vermeintlich neutralen Beobachter werten schließlich ständig durch Auswahl, Gewichtung und gesellschaftlichen Standort.

          Einen wichtigen Beitrag liefert das Buch denn auch zur Debatte um sogenannte „Identitätspolitik“. Dieser Begriff hat sich in den USA zu einem rechten Schimpfwort entwickelt. Manche Linke stiegen auch in Deutschland darauf ein, indem sie soziale Emanzipationsbewegungen unter dem berühmten Schröder’schen „Gedöns“ subsumieren – ihnen also vorwerfen, vom wahren Kampf, dem Klassenkampf, abzulenken. Hermsmeier erinnert daran, dass die amerikanischen linken Bewegungen wesentlich von Menschen geprägt werden und wurden, die nicht weiß sind. So waren es schwarze Frauen, die Black Lives Matter oder auch „MeToo“ gründeten. Das Buch belegt überzeugend, dass es Unsinn ist, „Identität“ und Klasse gegeneinander ausspielen zu wollen. Für alle, die keine weißen Männer sind, kommen zur ökonomischen Frage schließlich weitere Benachteiligungen hinzu.

          Hermsmeier trifft Linke von Minnesota bis Kalifornien. In Oakland denkt Aktivistin Cat Brooks darüber nach, wie der Kampf für gleiche Chancen heute an die Tradition der Black-Panther-Bewegung anknüpfen kann. In Minneapolis wirbt Kandace Montgomery, Gründerin der lokalen Black-Lives-Matter-Gruppe, für durchgreifende Polizeireformen. In Albuquerque in New Mexico kämpft Geschichtsprofessor Nick Estes als Marxist und Native American für die Rechte indigener Gemeinschaften.

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