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Der Erste : Der Aufbruch nach dem Umbruch

Ministerpräsident Ringstorff mit dem linken Koaltionspartner Helmut Holter 1998 Bild: dpa

Harald Ringstorff traute sich. Er wagte eine Koalition mit den Nachfolgern der SED. Biographie eines bemerkenswerten Mannes.

          Vor ein paar Wochen luden die Sozialdemokraten in Mecklenburg-Vorpommern in das Schweriner Schloss, um zu feiern. Seit zwanzig Jahren sind sie die stärkste Fraktion im Land, seit zwanzig Jahren stellen sie den Ministerpräsidenten. Mitten im tiefrot gehaltenen Saal saß da ganz ruhig ein Mann auf seinem Stuhl, um den sich alle scharten. Sich zu ihm hinunter bückten, ihm die Hand reichten oder auf die Schulter klopften. Harald Ringstorff hat die Sozialdemokraten durch die ersten Jahre nach der Wende geführt bis hin zur Staatskanzlei, zehn Jahre war er Ministerpräsident. Es ist ein politisches Leben, wie es nur im Osten Deutschlands geführt werden konnte – der Aufbruch nach dem Umbruch. Nun gibt es eine Biographie über Ringstorff, die zwar nicht in Gänze gelungen ist, aber deren Lektüre sich doch lohnt. Denn wer den Osten verstehen will, muss auch die Geschichte der Politiker kennen, die ihn in den vergangenen Jahrzehnten gestaltet haben.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Von all diesen ist Ringstorff schon deshalb einer der bekanntesten, weil der Sozialdemokrat es 1998 als Erster wagte, eine formale Koalition mit der heutigen Linkspartei einzugehen. In der Feierstunde im Schweriner Schloss lobte Matthias Platzeck, einst Ministerpräsident von Brandenburg, Ringstorff für diese Entscheidung als einen wichtigen Beitrag zum ostdeutschen Selbstbewusstsein. Das klingt ein bisschen hochtrabend und zielt trotzdem auf eine entscheidende Herausforderung, der sich Ringstorff wie all seine anderen Kollegen in den Staatskanzleien der neuen Länder gegenüber sahen: wie können sie nicht nur in der Bundesrepublik ankommen, sondern sich zugleich politisch emanzipieren. Die Biographien im Osten, die Erfahrungen, waren eben andere – doch was sollte daraus folgen für die Politik im Osten? Dass Ringstorff sich damals – auch nach langen Widerständen aus seiner Partei im Westen – für Rot-Rot entschieden hat, mag eine Antwort darauf gewesen sein. Eine umstrittene allerdings auch im Osten. So eine Antwort ist schließlich nie frei von Machtkalkül.

          Die von dem Historiker Christoph Wunnicke vorgelegte Biographie kann leider kaum Antworten darauf geben, wie Ringstorff diese Herausforderung heute bewertet, wie überhaupt seine Einschätzung zu vielen entscheidenden Wegmarken in dem Buch fehlt – Ringstorff ist krank, und konnte nicht mehr ausführlich Antworten geben zu seinem politischen Leben. Vieles bleibt offen, gesteht der Autor ein. So werden in dem Buch akribisch und recht strikt dem Zeitstrahl folgend die Ereignisse von 1989 zusammengetragen bis zum Jahr 2008, als Ringstorff die Staatskanzlei verließ. Leider erfährt man so nicht viel darüber, was Ringstorffs politisches Denken vor der aktiven Politikkarriere geprägt hat, wobei allein das schon wieder wichtig ist: dass er ein Leben vor der Politik hatte. Die Umbrüche im Osten waren total, sie trafen die Menschen ohne Vorbereitung und in allen Lebensphasen. Und manchmal wurde aus Menschen, die in ihrer Persönlichkeit längst geformt waren, innerhalb kürzester Zeit Berufspolitiker. So war es bei Harald Ringstorff, dem Leiter der Außenstelle „Schiffsfarben Küste“ im VEB-Kombinat Lacke und Farben. Als die Mauer fiel, war er 50 Jahre alt.

          Das Buch zeichnet seinen Aufstieg in der SDP nach, die überhaupt erst zur SPD werden musste. Vor allem aber zeigt es auf, wie sich damals gestandene Männer, und wenige Frauen, zusammenfanden, um Politik zu machen und zu lernen. Wie schwierig es war, gemeinsame Ziele zu formulieren. Und welche Vorteile es nicht nur der PDS, sondern auch den früheren Blockparteien brachte, schon über Strukturen zu verfügen, über erfahrenes Personal, Kopierer, Telefone und vor allem Mitgliederkarteien. Das führte zu der absurden Situation, dass die FDP – die heute im Land politisch mehr eine Ahnung ist als ein Machtfaktor – über viele Jahre deutlich mehr Mitglieder hatte als die SPD. Ringstorff aber zielte im politischen Wettstreit vor allem auf die CDU, die er immer wieder als „Blockflöten“ angriff. Schon der frühere CDU-Ministerpräsident Berndt Seite hatte in seiner Biographie über dieses „Zwitter“-Wesen geschrieben, wie er es formulierte. Bei Ringstorff mögen die Angriffe seiner Überzeugung entsprungen sein, doch ganz ohne Machtkalkül sind sie auch nicht zu verstehen.

          Aufhalten konnte er die CDU damit aber nicht, sie führte das Land in den ersten acht Jahren nach der Wende. Es waren undankbare Jahre für die Politik und die CDU, die Herausforderungen von der Arbeitslosigkeit bis zu der Werftenkrise riesig. Sie begleiten das Land zum Teil bis heute, da die SPD es führt. Seit 2006 ist die CDU der kleine Koalitionspartner der SPD. Der Pragmatiker Ringstorff machte seine Partei zu allen Seiten hin koalitionsfähig. Und der CDU hat die Umarmung der SPD ebenso wenig gutgetan wie vorher der Linkspartei.

          So arbeitet das Buch ein Ereignis nach dem anderen ab. Manchmal wäre ein wenig mehr Gewichtung wünschenswert gewesen und ein etwas kritischerer Blick auf das Wirken Ringstorffs und seine Entscheidungen. Spannend aber wird es in dem Buch immer dann, wenn die Fragen der politischen Selbstfindung im Osten berührt werden: von der Debatte, ob nun der Versöhnung Vorrang einzuräumen ist, wie Ringstorff es tat, oder der Aufarbeitung, wie die CDU es forderte. Von den Stasi-Belastungen bis zur Debatte über eine Koalition mit der Linkspartei. Es sind Debatten, die zum Teil noch heute nachwirken. Sie zeugen von dem schwierigen Weg zu einem ostdeutschen Selbstverständnis, über den man sich auch im Westen stets bewusst sein sollte.

          Christoph Wunnicke: Harald Ringstorff. Von der Werft bis in die Staatskanzlei.

          Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2018. 304 S., 24,90 .

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