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Der Aufsteiger : Vermessung der Gegenwart

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Vergangenheit - Zukunft- Suche nach Identität: Am Humboldt-Forum in Berlin laufen viele Stränge der deutschen Geschichte zusammen. Bild: dpa

Geschichtsschreibung ohne Akten. Deutschland seit 1990 – Edgar Wolfrum konzentriert sich ohne Not auf das Handeln der Bundesregierung.

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          Historiker halten bei ihren Forschungen meist einen Abstand von mindestens 30 Jahren. Denn erst dann öffnen sich die Archive, um hinter die Kulissen zu blicken. Außerdem schützt die zeitliche Distanz vor kurzlebigen Bewertungen. Edgar Wolfrum zählt zu den Zeithistorikern, die den Sprung in die Gegenwart früher wagen. Bereits 2006 legte der Heidelberger Professor eine stark rezipierte Überblicksdarstellung zur bundesdeutschen Geschichte vor, die bis zum Ende von Schröders Kanzlerschaft reichte. Sieben Jahre später erschien sein großes Buch über die rot-grüne Regierungsphase, die er als „Zeit der Modernisierung unter globalen Erfordernissen“ charakterisierte, bei der Triumph und Fiasko nahe beieinanderlagen. Damals argumentierte er offensiv, die Historiker müssten dichter an die Gegenwart rücken, um von Zeitzeugen zu profitieren und Quellen zu sichern. Denn in Zeiten von rigoroser Transparenz und Medienöffentlichkeit stelle sich die Frage, ob die arkanen Archivquellen noch ihren korrigierenden Wert haben.

          Wolfrums neues Buch baut auf seinen früheren Werken auf und vermisst die vergangenen drei Jahrzehnte mit einem gestrafften Überblick. Dabei geht er nicht chronologisch vor, sondern präsentiert ein Dutzend Themen, die in der aktuellen politischen Debatte von Bedeutung sind. Als Grundlage dienen ihm weniger die sozialwissenschaftlichen Forschungen als Presseberichte zu den großen Herausforderungen der Zeit – von der Einigung Europas über den Klimawandel bis hin zur Migration.

          Ausgangspunkt ist die Annahme, die Bundesrepublik habe sich bis 1989 wenig verändert und sei dann zu einem politischen Riesen geworden, der in die „erste Liga der Staatengemeinschaften“ aufstieg. Vor allem die Finanzkrise habe das deutsche Gewicht in Europa unterstrichen. Damit beschreibt Wolfrum die Bundesrepublik titelgebend als einen „Aufsteiger“. Darüber, ob dies tatsächlich so zutrifft, kann man auch anhand des Buches kritisch diskutieren.

          Wolfrum beschreibt zuverlässig die Veränderungen der vergangenen 30 Jahre und hält sich mit Bewertungen eher zurück. Über weite Strecken liest sich sein Werk wie eine nüchterne Rekonstruktion von politischen Abläufen. Mitunter schimmern aber doch eigene Urteile und historische Einordnungen auf, die das Buch interessanter und diskussionswürdiger machen. So bewertet Wolfrum die rot-grüne Regierung als die größte Reformphase seit Brandt. Bei der Modernisierung der Gesellschaft, von Hartz IV bis zum Klimaschutz, sei ein „posthumes Siegen“ von Rot-Grün auszumachen. Merkel habe deren Erträge nutzen können, aber die Große Koalition sich sonst eher selbst blockiert. Die christlich-liberale Koalition beschreibt er als eine Krisengemeinschaft, der neue Themen fehlten.

          Viele Kapitel betonen, dass Deutschland in dieser Phase zum weltweiten Vorbild wurde, etwa bei der Förderung erneuerbarer Energie, beim Umbau des Sozialstaates oder dem Umgang mit der Vergangenheit. Zugleich prangert Wolfrum an, wie Deutschland danach unter Merkel beim Erreichen der Klimaziele scheiterte. Das gelte besonders für den CO2-Ausstoß dank Braunkohle und exportorientierter Massentierhaltung, aber auch für den fehlenden Ausbau der Stromnetze und Wärmedämmung. Beim Anteil erneuerbarer Energien rutschte Deutschland europaweit auf Platz 16, noch hinter Spanien und Italien.

          Solche Einschätzungen deuten an, dass Deutschland nicht nur ein „Aufsteiger“ ist, sondern oft eher ein „Absteiger“. Ähnliches ließe sich aus dem Kapitel zur Digitalisierung schließen. Diese vergleicht Wolfrum mit der industriellen Revolution. Den deutschen Beitrag dazu akzentuiert Wolfrum vor allem beim Datenschutz. Ansonsten sei die Digitalisierung von der Bundesregierung unzureichend finanziert worden, weswegen Deutschland hier eine nachrangige Rolle spiele. Ein „Aufsteiger“ ist die Bundesrepublik in diesem Bereich sicherlich nicht. Smartphones, Software und Social Media entstanden meist anderswo.

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