https://www.faz.net/-gpf-8gm1l

Dirk Koch : Engagiert!

  • -Aktualisiert am

Verlagshaus des Spiegels in Hamburg Bild: dpa

Eine etwas stumpfe Lanze legt Dirk Koch für den „engagierten Journalismus“ ein (für Frieden, gegen Ausländerfeindlichkeit und so weiter), der natürlich mit „Argumenten und Gegenargumenten“ zu betreiben sei.

          3 Min.

          Ein Buch darf nicht langweilen. In 22 Kapiteln erfüllt Dirk Koch diese Anforderung und schildert nicht ganz frei von Selbstlob, wie er und sein (2010 gestorbener) Kollege Klaus Wirtgen, dem er das Buch widmet, als umtriebige Investigatoren und Enthüller der Zeitschrift „Spiegel“ einst die Politik der alten Bundesrepublik aufmischten. Anekdotenalarm? Dagegen verwahrt sich der Autor. „Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt“ will er vermitteln, weil das aus seiner Sicht dringend nottut: „Die Gegenseite wird frech.“ Die Gegenseite, das ist die Staatsmacht, hier dingfest gemacht am bald gestoppten Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwalts gegen einen bekannten Blog. Das habe es seit der „Spiegel“-Affäre 1962 nicht mehr gegeben. Da vertut sich Koch wohl ein wenig in der Dimension des Vorfalls wie in der schwierigen Problematik, die in Zeiten des Terrors hinter solchen Intentionen der „Staatsmacht“ steht.

          Die mit Pfiff und Verve, oft salopp, durchaus auch nostalgisch und anekdotisch servierten Beispiele seiner journalistischen Großtaten enthalten eine Fülle starker Passagen, die Sinn, Notwendigkeit, Möglichkeiten und Grenzen des Aufdeckens, Enthüllens und, wo nötig, Kaufens brisanten Insiderwissens ohne aufdringliche Belehrung aufzeigen. Vor allem natürlich auf dem weiten Feld der Korruption - wobei Kochs Erzählungen suggerieren, dass der „Spiegel“ da Freund und Feind mit gleicher Konsequenz ins Visier nahm. Schade, dass diesen Aspekt noch niemand gründlich investigiert hat. Verständlich dabei, wenn auch begrenzt überzeugend, dass Koch selbst von alten Zu- und Abneigungen nicht lassen mag. So wird Helmut Kohl schlicht zum Machtmenschen gestempelt - als ob die bundesdeutschen Spitzenpolitiker das nicht alle (gewesen) wären, mit Ausnahme vielleicht des machtpolitisch unbedarften Ludwig Erhard und des letztlich wohl gerade am zu schwachen Machtwillen gescheiterten, grüblerisch sensiblen Willy Brandt. Dass Kohl ein „Übelnehmer“ war und Franz Josef Strauß nicht, wiegt dann offenbar schwerer als etwa der Umstand, dass Kohl, trotz der Spendenaffäre, wenigstens nie im Verdacht stand, sich persönlich auch nur mit einer müden Mark bereichert zu haben. Nur Mauerfall und Wiedervereinigung, für die er sich als „Kanzler der Einheit“ feiern ließ, hätten Kohl „anhaltend gerettet“, befindet Koch und bemüht dafür ausgerechnet den Beinah-Königsmörder Heiner Geißler als Gewährsmann.

          Eine etwas stumpfe Lanze legt Koch für den „engagierten Journalismus“ ein (für Frieden, gegen Ausländerfeindlichkeit und so weiter), der natürlich mit „Argumenten und Gegenargumenten“ zu betreiben sei. Damit stellt er sich gegen Hanns Joachim Friedrichs‘ berühmtes Diktum, ein Journalist mache sich „nicht gemein mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“. Was heißt „sich gemein machen“, fragt Koch. Eine Antwort gibt er freilich selbst im Kontext einer seiner größten Leistungen, wenn er schildert, wie „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein 1981 die Geschichte über die Flick-Affäre, in die unter anderen die FDP-Minister Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff verwickelt waren, zu unterdrücken versuchte. Erst als Koch drohte, mitsamt seinen Informationen zum „Stern“ zu gehen, gab Augstein nach. Da hatte sich doch wohl der am Fortbestand der sozialliberalen Koalition höchst interessierte FDP-Mann Augstein längst mit einer an sich ehrenwerten Sache gemein gemacht, mit der Folge ebendieses Fehltritts. Zumeist freilich liegt die Gefahr solchen Engagiert-Seins wohl „nur“ in der selektiv verengten Wahrnehmung, die jene argumentative Offenheit des Engagierten mehr oder weniger einschränkt - ein Problem, an das Koch keinen (selbst)kritischen Gedanken verschwenden mag. Kurz und arg zugespitzt: Engagiert-Sein heißt allzu oft, dass einem irgendeine Sache oder Person nolens volens wichtiger wird als die Wahrheit.

          Trotzdem, nochmals: Es sind starke, genau erzählte Geschichten, die da ihre Schlaglichter auf die alte Bundesrepublik werfen. Sie zeigen Schattenseiten des Geschehens und blenden auch die des eigenen Gewerbes nicht aus. Sie gehen ins Persönliche, ohne voyeuristisch oder übermäßig bösartig zu werden. Sie setzen nebenbei dem einen und anderen Freund ein Denkmal. So jenem Andreas Speich, der auf Kochs Farm in Irland wohnte und sehr wahrscheinlich mit seiner Freundin in der Silvesternacht 1998 starb. Vorher hatte der „Spiegel“ Machenschaften der irischen Farmerlobby in Brüssel aufgedeckt. Irische Blätter brachten Hasstiraden mit Hinweis auf die Farm, es gab Drohanrufe. Dann verschwanden Andreas und Freundin nahezu spurlos. Unfall, Freitod, Mord? Auch Koch weiß es nicht. Er beschreibt all das nüchtern, eindringlich, frei von Larmoyanz, Pathos, unzulässiger Spekulation. Wie ein richtig guter Journalist eben schreibt.

          Dirk Koch: Der ambulante Schlachthof oder Wie man Politiker das Fürchten lehrt. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2016. 192 S., 18,- €.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Leitungen braucht das Land.

          Subventionen der Regierung : Gefangen im Verwaltungsdickicht

          Die Regierung gibt mehr Geld aus denn je. Doch sie versäumt, mit einfachen Mitteln Bürokratie einzusparen, sagen Kritiker. Und die Planungsbeschleunigung? Verzögert sich.
          Burak Yilmaz (32), Pädagoge, im Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie in Duisburg

          Junge Migranten : Was gehört zu Deutschland?

          Das Dirndl? Die Shisha-Pfeife? Die Juden? Junge Migranten aus Duisburg sprechen mit einem Sozialarbeiter über Identität und Geschichte. Und warum der Holocaust zur Diskussion über heutige Werte führt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.