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Denker : Zu wenig und zu viel

  • -Aktualisiert am

Ein Vogel sitzt am 31.10.2017 am Weltraumbahnhof Baikonur (Kasachstan) auf der Hand einer Statue von Wladimir Lenin Bild: dpa

Wer gehört dazu? Die Frage ist schon im Alltag schwer zu beantworten. Und erst recht in einem Buch wie diesem.

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          Es ist ein enges Korsett, das der Herausgeber Manfred Brocker den Autoren seiner „Geschichte des politischen Denkens“ offenbar verschrieben hat: Auf je fünfzehn bis siebzehn Seiten soll ein Buch (oder Aufsatz) der zu behandelnden Autorinnen und Autoren vorgestellt werden. Das setzt den Artikeln enge Grenzen, zumal wenn es um umfangreiche und komplexe Werke geht und noch biographische Daten und Informationen über die zeitgeschichtlichen Umstände der Entstehung zumindest angedeutet werden sollen. Dass diese Grenzen zu eng sind, zeigt sich besonders deutlich am zweiten Band der Geschichte, der dem 20. Jahrhundert gewidmet ist. Da tauchen mehrere Autoren, die schon im ersten Band abgehandelt worden waren, noch einmal auf, mit einem zweiten Buch oder Aufsatz: Hannah Arendt etwa war im ersten Band mit „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ vertreten, im zweiten wird „Vita Activa“ vorgestellt; da dies zwei verschiedene Verfasser tun, sind die Artikel auch nicht wirklich komplementär. Bei Max Weber („Politik als Beruf“ und „Wirtschaft und Gesellschaft“) verhält es sich ebenso. Dass man auf 15 Seiten dem philosophisch voraussetzungsvollsten Werk Arendts („Vita Activa“) oder dem gewaltigen Steinbruch, den Max Weber mit „Wirtschaft und Gesellschaft“ hinterlassen hat, nicht wirklich gerecht werden kann, versteht sich von selbst. An Lenins historischer Rolle besteht kein Zweifel; man kann sich dennoch fragen, ob sein politisches Denken zwei Artikel (über „Staat und Revolution“ sowie „Was tun?“) wert ist oder ob Michel Foucault als politischer Denker so bedeutend war, dass er zweimal gewürdigt werden muss.

          Es ist auch die Frage, ob eine Geschichte des politischen Denkens, deren zwei Bände insgesamt mehr als 1700 Seiten umfasst, richtig gewichtet ist, wenn sie aus einer Zeitspanne von mehr als zwei Jahrtausenden zwei Drittel ihres Umfangs dem 20. Jahrhundert widmet. Was die intellektuelle Substanz, die Bedeutung und die Wirkmacht bis heute angeht, dürften Platon und Aristoteles oder Hobbes, Rousseau und Marx immer noch vor Colin Crouch oder Naomi Klein rangieren. Es leuchtet auch nicht recht ein, warum der hier zu besprechende zweite Band seine 62 Autoren jeden für sich abhandelt: Manche hätte man gut und gerne (und womöglich dem Verständnis zuträglicher) als Teil einer Denkschule vorstellen können, etwa unter den Sammelbegriffen „ökonomische Theorie der Politik“, „Neo-Kontraktualismus“ oder „Neo-Marxismus“, wie das Henning Ottmann in seiner magistralen Geschichte des politischen Denkens getan hat. Bei manchen „Denkern und Denkerinnen“ lässt sich auch bezweifeln, ob ihnen der Rang gebührt, in eine Geschichte des politischen Denkens im 20. Jahrhundert aufgenommen zu werden – und das im gleichen Umfang, der im ersten Band Hegel oder Marx gewidmet war oder in diesem Band beispielsweise Carl Schmitt, der unzweifelhaft zum Klassiker avanciert ist.

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