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„Brüder und Schwestern“ : Zwischen Nichtwissen und Neubeginn

Der Ost-Berliner Sänger und Schauspieler Manfred Krug nach Passieren des Grenzübergangs Bornholmer Straße in Berlin am 20.06.1977. Bild: Picture-Alliance

Als nur wenige kamen, gab es kein Problem. Als die DDR zusammenbrach, kippte im Westen die Stimmung.

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          West-Berlin, Grenzübergang Bornholmer Straße, 20. Juni 1977: ZDF-Reporter Dirk Sager passt den gerade aus Ost-Berlin und der DDR ausgereisten Manfred Krug ab und fragt, was der Schauspieler „heute in der DDR zurückgelassen“ habe. Krug atmet tief durch und antwortet: „Die DDR, die mir in letzter Zeit ’ne ganze Menge Schwierigkeiten gemacht hat. Und es hat mir eigentlich nicht so viele Tränen in die Augen getrieben, die DDR zu verlassen. Aber die DDR, die ich verlassen habe und bei der es mir schwergefallen ist, sie zu verlassen, das waren die Leute, das Publikum, ... ein paar persönliche Freunde, Verwandte, liebe Leute.“ Ob er Sehnsucht habe, fragt Sager dann. „Ja“, sagt Krug und wendet sich unter Tränen ab. Die Szene taucht im Buch nicht auf, aber sie steht exemplarisch für dessen etwas sperrig formuliertes, aber wichtiges Thema: die Diskussion über die Aufnahme von Zuwanderern aus der DDR in der Bundesrepublik von Anfang der siebziger Jahre bis zur Wiedervereinigung und das Ankommen der Ostdeutschen im Westen.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die bis heute vorherrschende Erzählung von Freude über die – meist durch erfolgreiche Flucht oder Ausreiseanträge erlangte – Freiheit fügt die Autorin Bettina Effner, Historikerin und Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, in ein umfassend recherchiertes Gesamtbild der deutsch-deutschen Migration ein. Rund eine Million Menschen verließen in den knapp 20 betrachteten Jahren Ostdeutschland, und die allermeisten gingen nicht freiwillig. Sie ließen Heimat, Freunde, Verwandte zurück – aus damaliger Sicht für immer – und mussten sich zugleich in einem völlig neuen Gesellschaftssystem zurechtfinden. Für viele waren das emotionale Ausnahmezustände, die zum Teil über Jahre andauerten. Effner hat zahlreiche Quellen ausgewertet, vor allem Zeitzeugeninterviews aus dem Archiv der Stiftung Berliner Mauer, Archive des Landes Berlin und des Bundestages, Berichte von Künstlern sowie Presseartikel aus dieser Zeit.

          Nach dem Mauerbau sanken die Zuwandererzahlen aus dem Osten stark; statt jährlich zu Hunderttausenden kamen nun im Jahr noch rund 15 000 Ostdeutsche in der Bundesrepublik an – und gerieten in der Öffentlichkeit allmählich aus dem Blick. Lediglich durch Prominente, die nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 in großer Zahl die DDR verließen, gelangte das Thema wieder ans Tageslicht. Diesen widmet Effner ein großes Kapitel und zeigt dort insbesondere die Konflikte, denen sie sich ausgesetzt sahen. „Da nun aber schlecht ohne eine Rubrik von uns die Rede sein konnte, gewöhnte man uns und eine respektvoll erschaudernde Öffentlichkeit daran, dass wir Dissidenten seien“, notierte der Schriftsteller Wolfgang Hegewald. „Die Unschärfe des Begriffs förderte seine Beliebtheit.“ Die Beobachtung deutet auf ein Dilemma, in dem sich viele Übersiedler befanden: nämlich die Erwartung im Westen, die DDR zu brandmarken, und zugleich Verachtung, wenn sie selbiges nicht taten. So warfen konservative Politiker und Publizisten Wolf Biermann vor, in der Systemfrage keinen Beitrag zugunsten des Westens zu leisten.

          Der Schriftsteller Jürgen Fuchs fühlte sich „von der Seite, die immer schon gewusst hat, wie schlecht alles ,im Osten‘ ist“, genauso benutzt wie von der anderen Seite, die gar nicht so genau wissen wollte, wie es im Osten wirklich ist, „um die eigenen Überzeugungen zu schonen“. Das lag auch daran, dass das Interesse an der DDR im Westen mit den Jahren abnahm, während Vorurteile, Gleichgültigkeit und Überheblichkeit zunahmen. So sei Abwanderung als „prowestliche Abstimmung mit den Füßen verbucht“ und die DDR als rückständiges Ausland betrachtet worden. Mehrfach verweist Effner anhand ihrer Quellen auf ein „fundamentales Nichtwissen“ der Bundesbürger „hinsichtlich der politischen Strukturen ebenso wie der Lebensverhältnisse in der DDR“, die viele Übersiedler als gravierend empfanden. Der „Spiegel“ konstatierte 1983, dass „auch nur milde Korrekturen am düster-dumpfen DDR-Bild, vor dem die Hiesigen sich zu spreizen angewöhnt haben“, nach wie vor „wenig gefragt“ seien.

          Alle Bundesregierungen hielten offiziell daran fest, dass die Menschen im Osten Deutsche seien, und gewährten Übersiedlern vergleichsweise großzügige Eingliederungshilfen. Dieses Konstrukt geriet jedoch ab 1984 unter Druck. Damals kamen auf einmal wieder fast 40 000 Übersiedler, weil die SED versuchte, Druck aus dem Kessel zu lassen. In den Folgejahren aber riss der Strom nicht ab, im Gegenteil. Nun kamen vor allem junge Menschen mit Kindern. Der DDR lief die Zukunft davon, doch im Westen machte sich Missstimmung breit. „Die Türken gehen, die Deutschen kommen“, betitelte der WDR eine Sondersendung. Effner schildert belegreich, wie Verteilungsängste zunehmend eine Rolle spielten. In Umfragen beurteilte nicht mal mehr ein Fünftel der Westdeutschen die Übersiedler als positiv. Unter den Neuankömmlingen machte sich Frust breit, weil Behörden ihre Berufsabschlüsse nicht anerkannten, auch wenn sie gleichwertig oder höher qualifiziert waren. Krankenschwestern oder Maschinenbauingenieure waren zu staatlich alimentierter Untätigkeit verdammt, ein Umstand, den sich das Land bis heute auch im Umgang etwa mit Asylbewerbern leistet.

          Politische Folge waren zunehmend Debatten, ob DDR-Übersiedlern überhaupt noch besondere Hilfe zu gewähren sei. Während sich CDU, CSU und FDP klar dafür aussprachen, weil der Osten „stellvertretend für uns alle ungleich stärker“ unter den Kriegsfolgen gelitten habe, wie Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) 1986 im Bundestag erklärte, sahen das Teile der SPD, insbesondere Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, völlig anders. In einer Allensbach-Umfrage von 1984 wiederum plädierten die Wähler der Grünen, die der Wiedervereinigung am distanziertesten gegenüberstanden, dafür, Übersiedlern zu helfen, während die Wähler von CDU, CSU und SPD dem eher ablehnend gegenüberstanden. 1990 taten das im Übrigen auch die Wähler der Republikaner, die die ostdeutsche Zuwanderung als massive Bedrohung wahrnahmen. Es sind Details wie diese, die das sehr umfangreiche Werk ausmachen, das zugleich trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs gut lesbar ist.

          Nach dem Mauerfall kippte die Stimmung im Westen. 340 000 Ostdeutsche waren 1989 in die Bundesrepublik gekommen, so viele wie nie zuvor, und der Zustrom riss nicht ab. In Bremen, Köln und Stuttgart brannten Übersiedler-Unterkünfte, und zwischen Bund und Ländern ging es nun zu wie unter den Ländern der EU 2015: Es wurde über Quoten, Lastenverteilungen und Zuzugsbegrenzungen gestritten. Noch bevor der Streit entschieden war, gab es mit dem Tag der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli keine Übersiedler mehr. Dennoch blieben die Ostdeutschen nun nicht in ihrer Heimat. Wer sich dauerhaft für den Westen entschied, galt nun als Umzügler – ohne finanzielle oder anderweitige Hilfen. Der Run aber blieb ungebrochen, bis Oktober zogen nochmals 100 000 Ostdeutsche in die westlichen Bundesländer. Bis heute sind es rund vier Millionen.

          Bettina Effner: Der Westen als Alternative. DDR-Zuwanderer in der Bundesrepublik und in West-Berlin (1972–1989/90). Ch. Links Verlag, Berlin 2020. 448 S., 40,– .

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