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DDR-Staatssicherheit : Stasi im Getto

  • -Aktualisiert am

Stasi-Unterlagen Behörde in Magdeburg Bild: ZB

Wie lebten diejenigen, die sich als „sozialistische Persönlichkeiten“ gerieren sollten, privat, zu Hause im Wohngebiet, gegebenenfalls in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis? Was haben die DDR-Tschekisten verdient?

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          In seiner Endzeit zählte der DDR- Staatssicherheitsdienst einschließlich des Wachregiments „F. E. Dzierzynski“ 91 015 hauptamtliche Mitarbeiter. Acht von hundert davon waren Frauen. Die Zahlen sind dem Buch von Jenny Krämer und Benedikt Vallendar entnommen. Die beiden Historiker untersuchen darin den Stasi-Alltag, das heißt, sie thematisieren das triste Dasein der Unteroffiziere, Feldwebel, Offiziere und Generale sowie der Zivilangestellten, die einst in der Repressions- und Überwachungsbürokratie Erich Mielkes Tag für Tag Dienst getan haben.

          Wie sah ihr Alltag im Dienst und nach Dienstschluss aus? Wie lebten sie, die sich als „sozialistische Persönlichkeiten“ gerieren sollten, privat, zu Hause im Wohngebiet, gegebenenfalls in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis? Was haben sie verdient? Wie wurden sie versorgt? Welche Privilegien hatten sie? Diese und andere Fragen zum Alltag der DDR-Tschekisten - so nannten sie sich selbst nach der TscheKa, der Geheimpolizei Lenins - werden ausgeleuchtet.

          Die Autoren haben Myriaden von Stasi-Akten durchforstet. Sie haben als Quellen speziell die Hinterlassenschaften der für die Bekämpfung von Kirchen, Widerstand und Opposition zuständigen Hauptabteilung XX im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sowie der Hauptabteilung Kader und Schulung und der MfS-Bezirksverwaltung Magdeburg herangezogen, hauptsächlich Personal- und Disziplinarakten, ferner einschlägige Monographien, Memoiren und Dokumentationen. Zudem konnten sie ehemalige hohe Stasi-Offiziere interviewen. Mosaikartig, aufgeteilt in 39 einzelne Skizzen und Betrachtungen, zumeist kurz und knapp, manchmal salopp formuliert, wird die Thematik ausgelotet. „Zunehmende Professionalisierung“ / Die Rekrutierung hauptamtlicher Mitarbeiter; „Das eigene Gehirn ausschalten“ / Ausbildung bei der Stasi; „Stochern im Nebel“ / Die Alltagsroutine; „Siamesische Zwillinge“ / Stasi und SED; „Selbstbeschäftigung“ / Die Bürokratie der Stasi; „Genossen unter sich“ / Die Stasi im Urlaub; „Parallelwelten“ / Stasi und Gesellschaft; „Dienstliches Fehlverhalten“ / Konflikte am Arbeitsplatz; „Blau statt rot“ / Alkoholismus bei der Stasi - exemplarische Überschriften zu den einzelnen Abschnitten, die reflektieren, welche alltagsgeschichtlichen Aspekte konkret behandelt werden.

          In den Schlussabschnitten werden die zuletzt deutlich wahrnehmbaren Auflösungserscheinungen aufgezeigt, und es wird kommentiert, was ehemalige MfSler „Vergangenheitsbewältigung“ nennen: Apologie, Mythen und Verklärung der SED-Geheimpolizei, die im Buch übrigens meist als „Geheimdienst“ firmiert. Das ist sachlich falsch und ungewollt verharmlosend.

          Und das Fazit? Nicht selten war er voller Frust, der Stasi-Alltag, „das Leben der Anderen“ war nur im Film spannend. Unschöne Erfahrungen und persönliche Konflikte waren auszumachen, Missgunst und Misstrauen untereinander, Karrierismus, Kriminalität. Von Elite keine Spur. Da die Dienstgebäude und Unterkünfte des MfS und häufig auch MitarbeiterWohnungen in Sperrgebieten lagen, durch Mauern abgeschirmt, kam das gut lesbare Buch zu seinem Titel: „Leben hinter Mauern“. Mielkes Mannen führten ein Gettodasein. Aber sie wurden im Vergleich überdurchschnittlich gut bezahlt. „Ein Berufsanfänger mit Hochschulabschluss verdiente bei der Stasi 1986 rund 1600 Mark monatlich. Ein Abteilungsleiter kam auf knapp 3500 Mark, ein Hauptabteilungsleiter auf knapp viertausend Mark.“ Leider weist das Buch ein paar editorische Mängel auf: unpräzise Quellenangaben, kein Literaturverzeichnis, kein Personenregister. Schade.

          Jenny Krämer/Benedikt Vallendar: Leben hinter Mauern. Arbeitsalltag und Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Klartext Verlag, Essen 2014. 251 S., 18,95 €.

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