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Konfliktherd : Das Südchinesische Meer der Emotionen

  • -Aktualisiert am

Am 5. Februar 2012 richtet ein chinesischer Beamter die Flaggen von China und den Vereinigten Staaten vor dem Besuch der damaligen US-Außenministerin Clinton. Bild: dpa

Großmachtpolitik wird oft mit Schach verglichen. Aber wie am Brett, so geht es auch hier um Gefühle.

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          Das Hauptinteresse des Autors gilt dem Fragenkomplex, inwiefern und wie genau Chinas Herangehensweise an territoriale Streitigkeiten im Südchinesischen Meer von Erwartungen und Perzeptionen, als internationaler Akteur respektiert zu werden, beeinflusst wird. Diese Perspektive ist relevant, so die Hypothese, weil Akteure, welche sich respektiert fühlen, eine bedeutend größere Fähigkeit zu kooperativem Verhalten aufweisen.

          Angesichts der von Großmachtrhetorik meist übertünchten, aber unterschwellig stetig zunehmenden Emotionalität, mit welcher sich besonders Peking und Washington im Südchinesischen Meer begegnen, ist dies ein vielversprechender Ansatz. Entsprechend besticht das vorliegende Werk einerseits durch die Anwendung eines innovativen Methodengerüsts, das die Untersuchung emotionaler Einflussfaktoren auf die Gestaltung außenpolitischer Strategien erlaubt. Andererseits greift Groten auf einen bisher wenig beachteten Datensatz, bestehend aus den Analysen und Empfehlungen zweier führender chinesischer Think Tanks, zu.

          Die Studie konzentriert sich auf die Periode 2007–2016 und deckt somit wichtige Ereignisse wie die Weltfinanzkrise von 2008, die Neuausrichtung der amerikanischen Ostasien-Strategie, den Aufstieg Xi Jinpings und die Eskalation der maritimen Streitigkeiten im Ost-,und vor allem im Südchinesischen Meer mit den großflächigen Landaufschüttungen und einem vielbeachteten Schiedsgerichtsurteil ab.

          Besonders aufschlussreich erweist sich dabei die Unterteilung der Fallstudie in eine Analyse von chinesischen Diskursen über die amerikanische und über die philippinische Rolle im Südchinesischen Meer. Zunächst stellen sich jedoch die methodologischen Herausforderungen der Messbarkeit und des Kausalitätsnachweises. Groten meistert diese, indem er nach einer umfassenden Diskussion verschiedener Konzeptionen von Respekt und verwandter Begriffe wie Anerkennung, Ehre und Prestige in drei Schritten vorgeht.

          Als Erstes untersucht er die Veränderung der sich von chinesischen Eliten selbst zugeschriebenen Status- und Identitätsmerkmale. Er stellt dabei fest, dass Identitätsdiskurse um 2013 vermehrt von den optimistischeren Narrativen der Nationalen Wiedergeburt und des Chinesischen Traums geprägt wurden, während die Narrative der Harmonischen Gesellschaft und der Opferhaltung rund um das sogenannte Jahrhundert der Schande in den Hintergrund rückten.

          Gleichzeitig deutet die Häufung von Verweisen auf Chinas weit zurückreichende geschichtliche und kulturelle Einheit auf eine zunehmende Tendenz zum Exzeptionalismus hin. Ebenso beobachtet Groten einen Trend weg von der Statuskonzeption als größtes Entwicklungsland hin zu einem Selbstverständnis als regionale oder teilweise sogar als globale Macht. Während man sich in China vermehrt dem eigenen Gewicht und der eigenen Verantwortung in einem zunehmend multipolaren System bewusst wird, verstärkten sich jedoch auch Ansprüche an das Umfeld, China und seine Großmachtinteressen entsprechend zu respektieren.

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