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Daniel Koerfer: Diplomatenjagd : Ein Bericht als Lehrstück des Opportunismus

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„Joseph Fischers Operation Hinkelstein“: Auftragsgeber (rechts) und die Unabhängigen Vier Bild: Abbildung aus dem besprochenen Band

Der Immobilienunternehmer und Zeitgeschichtsprofessor Daniel Koerfer greift die Unabhängige Historikerkommission des Auswärtigen Amts an, deren Arbeit mittlerweile als wissenschaftlich nicht ausreichend gilt.

          „Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation“ - mit dieser medienwirksamen Formel legte eine Historikerkommission, die unter Joseph Fischer eingesetzt worden war, im Jahr 2010 ihr Ergebnis über deutsche Diplomaten im „Dritten Reich“ vor. „Das Amt und die Vergangenheit“, so der Titel des Kommissionsberichts, löste schon vor seinem Erscheinen eine turbulente öffentliche Debatte aus, zumal es nicht nur um die Rolle des AA im Nationalsozialismus ging, sondern ebenso um personelle Kontinuitäten in der Bundesrepublik. Mittäter beim Holocaust, so die Befunde, „hohe personelle Kontinuität mit teils schwer belasteten Diplomaten“ nach 1945 und ein Erinnerungskartell, Persilscheine der „Mumien“ (der aus dem aktiven Dienst ausgeschiedenen Diplomaten) bis in die Gegenwart hinein: die Welle der öffentlichen Empörung über diesen zutage getretenen „Schmutz“ (so Fischer) schlug hoch - bis sie unerwartet brach.

          Es waren zunächst außeruniversitäre Historiker des „Spiegel“ und der F.A.Z. sowie Daniel Koerfer (in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung), die Skepsis gegenüber dem Bericht der Kommission äußerten. Schließlich gelangte auch die institutionelle Fachwissenschaft zu einem zunehmend kritischen Urteil: Moniert wurden konzeptionelle, methodische und handwerkliche Mängel, innere Widersprüche und grundlegende sachliche Fehler (etwa zum Beschluss zur Ermordung der Juden), pauschale Verallgemeinerungen und tendenziöse Moralisierung statt systematischer Analyse - kurzum: „Das Amt“ fiel als wissenschaftlich nicht ausreichend durch. Die dahinterstehende Geschichte hat Daniel Koerfer nun unter einem Titel thematisiert, der nicht gerade akademische Abwägung und Zurückhaltung erwarten lässt: „Diplomatenjagd“.

          Koerfer wurde in den achtziger Jahren mit einer Studie über den Machtkampf zwischen Ludwig Erhard und Konrad Adenauer promoviert und lehrt als Honorarprofessor Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin. Für sein jüngstes Buch sind zwei persönliche Aspekte wissenswert: Erstens steht Koerfer als Enkel des Diplomaten Gerhart Feine - der freilich selbst unbelastet war (vielmehr zur Rettung von ungarischen Juden beigetragen hatte) - in einer gewissen Nähe zu den Diplomaten, die „Das Amt“ durchweg negativ beurteilt, ohne dass Koerfer ihnen unkritisch oder gar apologetisch gegenüberstünde. Zweitens ist er als Immobilienunternehmer unabhängig von den fachinternen beziehungsweise wissenschaftsinternen Netzwerken.

          Und nun dieses Buch, das vieles in einem ist: Geschichte der Historikerkommission, Gegendarstellung zu ihrem Bericht und Aufarbeitung der Debatte um „Das Amt“ - polemisch und subjektiv, zuweilen fehlerhaft und ausschweifend, parteiisch und provokativ, kraftvoll und kenntnisreich -, und es stößt, weit über „Das Amt“ hinaus, grundsätzliche Fragen an. Koerfers These, es sei der Historikerkommission um eine „damnatio memoriae“ der deutschen Diplomaten gegangen, ist dabei insofern unzutreffend, als es nicht um eine Auslöschung des Andenkens geht, sondern gerade um die öffentliche Ausstellung von Erinnerung. Eher trifft seine scharfe Formulierung von den „Großinquisitoren“ ohne anwesende Angeklagte und Verteidiger den allgemeinen geschichtspolitischen Hintergrund, dass nämlich die deutsche Erinnerungskultur nach weitgehendem „Beschweigen“ und kontroverser „Bewältigung“ in eine dritte Phase der „Aufarbeitung“ eingetreten ist, die sich in einem ritualisierten Konsens vollzieht, der zugleich seine eigenen Probleme hervorbringt.

          Das gilt zumal, wenn diese Disposition auf einen entschlossenen politischen Willen trifft, wie es offensichtlich bei Joseph Fischer der Fall war, der mit der Einsetzung der Historikerkommission eine ganz eigene Agenda verfolgte. Fischer, der auf dem Weg vom Systemgegner durch die Instanzen an die Spitze des Auswärtigen Amts eine der bemerkenswertesten bundesdeutschen Karrieren durchlaufen hatte, verband dabei autodidaktische Lernfähigkeit mit unbedingtem Willen zur Macht und legendärer Egomanie. Mit zunehmender Amtszeit häuften sich dabei die Spannungen zwischen dem politischen Alphatier und der diplomatischen Traditionsbehörde. Schon in den ersten Jahren waren drei Konfliktfelder angelegt, die sich am Ende seiner Amtszeit überlagerten. Erstens verfügte Fischer schon 1999/2000, Einreisen aus Osteuropa auf eine Weise zu erleichtern, die kriminellen Praktiken Vorschub leistete und die sich 2005 als Visa-Affäre in einer schweren politischen Krise entlud. Zweitens wurde Fischers eigene politische Vergangenheit in der „Proletarischen Union für Terror und Zerstörung“ und sein Verhältnis zur Gewalt zum politischen Thema. Dass er für sich selbst jenes Recht auf politischen Irrtum in Anspruch nahm, das er den Zeitgenossen des Nationalsozialismus nicht zubilligte, verband den Sachverhalt drittens mit der Nachrufpraxis für verstorbene Angehörige des AA.

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