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Christiane Kuller: Bürokratie und Verbrechen : Stille bürokratische Effizienz

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Reichsminister Graf Schwerin-Krosigk in der Uniform des höchsten deutschen Zollbeamten mit Gauleiter Karl Weinrich (Gauleiter Kurhessen) Bild: FAZ-Archiv

Die Diskriminierung der Deutschen jüdischen Glaubens besaß immer eine finanzpolitische Dimension, weil das „Dritte Reich“ in seiner Eigenschaft als Fiskalstaat auf die finanzielle Ausplünderung dieser Zielgruppe hin ausgerichtet werden konnte.

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          Die Behörden- und Verwaltungsgeschichte des „Dritten Reiches“ hat derzeit Konjunktur: Nicht wenige Bundesministerien lassen von Historikerkommissionen die Geschichte des eigenen Hauses auf braune Flecken unter die Lupe nehmen; und auch auf Länderebene werden entsprechende Studien vorbereitet. Der Fokus der meisten Untersuchungen liegt dabei auf der Frage, welche Personen auf der Führungsebene solcher Ministerien und Behörden für ideologisch kontaminierte Handlungen verantwortlich waren. Es interessiert mithin weniger die routinemäßige Verwaltungspraxis als der spektakuläre Einzelfall, der belegen soll, dass sich hochrangige Staatsdiener hinter der Fassade eines scheinbar unpolitischen Fachbeamtentums als exekutive Vollstrecker, ja gelegentlich als rigorose Antreiber der menschenverachtenden Kernziele des nationalsozialistischen Regimes betätigten.

          Unzweifelhaft hat es in allen höheren Behörden den Typus des Verwaltungsexperten gegeben, der durch ideologische Selbstmobilisierung nicht zuletzt antisemitische Maßnahmen deutlich verschärfte. Aber wie lassen sich solche Befunde strukturell einordnen? Lassen sich solche Beispiele nicht erst dadurch kontextualisieren, dass man nach tradierten, aber auch durch das NS-Regime neu eingeführten Praktiken des Verwaltungshandelns Ausschau hält und damit solche Befunde in einen größeren Zusammenhang stellt? Die Studie von Christiane Kuller wählt diesen Weg und bettet die zahllosen Exempel antisemitischer Maßnahmen in der Finanzpolitik konsequent in eine Struktur- und Kulturgeschichte der Verwaltung ein. Auf diese Weise erzielt sie heuristisch ergiebige Erträge, die für eine kulturgeschichtlich sensible Bürokratiegeschichte ein reichhaltiges Erkenntnispotential bereithalten, so dass ihrer Arbeit die Qualität einer beispielgebenden Pionierstudie zukommt.

          Mit der Finanzverwaltung steht ein besonders ideologieanfälliger Verwaltungskomplex im Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Denn die Diskriminierung der Deutschen jüdischen Glaubens besaß immer eine finanzpolitische Dimension, weil der deutsche Staat in seiner Eigenschaft als Fiskalstaat auf die finanzielle Ausplünderung dieser Zielgruppe hin ausgerichtet werden konnte. Frau Kuller stellt heraus, dass der dazu erforderliche Typus des professionellen Finanzbeamten erst von der demokratischen Republik von Weimar hervorgebracht wurde. Denn erst im Zuge der grundlegenden Umgestaltung der Finanzverfassung im Jahre 1920 übernahm das Reich im Wesentlichen die Finanzhoheit. Damit konnte allmählich eine neue professionelle Elite von Finanzbeamten heranwachsen, die sich viel auf ihre Effizienz in der effektiven Umsetzung von Finanzbestimmungen zugute hielt. Der NS-Staat nutzte diese Expertise, um die materielle Entrechtung auf fiskalischem Weg voranzutreiben, wobei manche Finanzbeamte besonders findig im Aushecken solcher diskriminierender Maßnahmen waren.

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