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Deutsch-französische Grenze : „Sie bleiben in Europa!“

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Die Nationalflagge von Frankreich Bild: dpa

Am 6. August 1950 stürmten Jugendliche aus neun europäischen Ländern die deutsch-französischen Grenzanlagen bei Sankt Germanshof-Wissembourg (Weißenburg), rissen Zolltafeln ab, verbrannten Schlagbäume und brachten Tafeln mit der Aufschrift „Sie bleiben in Europa“ an.

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          Europa wäre nicht Europa - hätte es nicht gleich zwei Gedenktage. Der 5. Mai 1949 steht für die Gründung des Europarats und der 9. Mai 1950 für die Ankündigung der Schaffung einer Kohle- und Stahlgemeinschaft durch den französischen Außenminister Robert Schuman. Beide Daten stehen in fast allen Kalendern. Hingegen ist der 6. August 1950 viel weniger präsent, ja weitgehend in Vergessenheit geraten wie so vieles von der europäischen Einigungsgeschichte.

          An diesem Tag stürmten in einer organisierten wie spektakulären Aktion Jugendliche aus neun europäischen Ländern die deutsch-französischen Grenzanlagen bei Sankt Germanshof-Wissembourg (Weißenburg), rissen Zolltafeln ab, zersägten metallene Schranken, verbrannten Schlagbäume und brachten Tafeln mit der Aufschrift „Sie bleiben in Europa“ an. In einer Resolution prangerten sie das Zaudern und Zögern der Politiker hinsichtlich der Bildung einer europäischen Union an und verlangten endlich Taten. Mit der Feststellung, wonach nur die Jugend die „gemeinsame europäische Kultur“ und die „europäischen Werte“ vor der „tödlichen Gefahr“ des Kommunismus retten könne, war der Ost-West-Konflikt als drohender Hintergrund markiert und gleichzeitig Krieg in Europa als eine historische Erfahrung von Generationen in Form politischer Symbolik hochgradig aufgeladen worden.

          „Zum ersten Mal in der Geschichte marschieren Europäer nicht an die Grenzen, um sich gegenseitig zu töten, sondern um die Beseitigung der Grenzen zu verlangen.“ Es folgte die „Demonstration der 5000“ mit Bannern, Fackeln und Sprechchören vor dem Europarat. Paul-Henri Spaak, maßgeblich beteiligt beim späteren Zustandekommen der Römischen Verträge (1957), einer der Gründerväter der EU und seinerzeit noch Vorsitzender der Beratenden Versammlung des Europarats, versuchte zu beschwichtigen, wurde jedoch von einer wütenden Menge junger Menschen als Repräsentant des behäbigen, entscheidungsschwachen und ungenügenden Europas gnadenlos ausgepfiffen. Die Enttäuschung war so groß und die Stimmung so aufgeheizt, dass einige nahe daran waren, Gewalt anzuwenden.

          Es gab Demonstranten, die „das provisorische Holzgebäude“ niederbrennen wollten, wie die Historikerin Christina Norwig schreibt. Die an Spaak übergebene Resolution enthielt ein Anhörungsrecht, die Forderung eines Föderal-Pakts, eine Warnung vor der „herannahenden Katastrophe“, dem erwarteten Angriff der Sowjetunion auf Westeuropa, die Weigerung, sich für nationale Souveräne töten zu lassen, wie auch die Bereitschaft zum militärischen Einsatz für das neue „europäische Vaterland“. Vorwiegend junge Männer verstanden sich als erste Generation, die für ein neues postnationales Europa eintreten wollten.

          Norwigs Studie erzählt nicht nur die Demonstrationen für ein grenzenloses Europa und die Proteste in Straßburg, sondern leistet auch eine systematische Erforschung dieses Themas. Die Jugend Europas der 1950er Jahre wird als Faktor der internationalen Beziehungen begriffen. Es gab gezielte Kampagnen und verschiedene Organisationsformen. Dazu zählten Hunderte Verbände wie der Bund Europäischer Jugend (BEJ), die Jungen Europäischen Föderalisten (JEF), die International Union of Socialist Youth (IUSY) oder die Internationale Union der Jungen Christlichen Demokraten. Mit ihrer Selbständigkeit und Unabhängigkeit war es jedoch nicht immer so weit her. Im Kontext des Europäischen Wiederaufbauprogramms (ERP) wurden sie vielfach von amerikanischen Einrichtungen finanziell gefördert. Damit konnten sie auch ideologisch gesteuert und politisch kontrolliert werden.

          Zentrale Figur war Allen W. Dulles, bereits für den Kriegsnachrichtendienst OSS in Bern und sodann als Chef des Auslandsgeheimdienstes CIA aktiv. Norwig zeigt auf, dass europäische Jugendliche in zweierlei Hinsicht einen wichtigen Part in der Phase der Formation der europäischen Integration vom Schuman-Plan bis zur EWG von 1950 bis 1958 einnahmen: einerseits auf der Ebene konkreter Handlungsfelder als Autoren von aufrüttelnden Appellen und publizistischen Beiträgen sowie durch Mitwirkung an diversen Europa-Projekten, andererseits auch durch gründlich geplante und gezielt inszenierte symbolische Aktionen zur Demonstration einer neuen europäischen Jugend. Die lesenswerte Studie Norwigs macht deutlich, dass die gängigen Vorstellungen von einer inaktiven, konsumorientierten und unpolitischen Generation unzutreffend sind, wie auch das Engagement junger Angehöriger der Zivilgesellschaft für ein vereintes Europa zeigt, welches die Europäische Jugendkampagne vorlebte. Der vielzitierte Befund von einer passiven und „skeptischen Generation“ (Helmut Schelsky) erweist sich als Topos. Die Europa-Begeisterung sollte dann aber in einem gemeinsamen Agrarmarkt von Fleisch-, Butterbergen und Milchseen verfliegen. Umso mehr dient der Grenzsturm als stets wieder zu belebender Mythos. Norwigs Arbeit verweist auf viele unbekannte Jugendaktivisten. Kaum sind ihre Akteure und Repräsentanten in der Forschung präsent. Umso mehr hätte ein Personenverzeichnis dieser ausgezeichneten Studie gutgetan.

          Trotz teilweise nicht verwerteter Erträge aus jüngerer maßgeblicher Forschungsliteratur zu den Exponenten und Vorreitern der Europaideen der Zwischen- und Nachkriegszeit (wie Richard N. Coudenhove-Kalergi, Karl Anton Prinz Rohan, Pierre Viénot) ist dieses Buch ein gewichtiger Beitrag zur europäischen Integrationsgeschichte, das gerade im heutigen Europa einer dem Einigungswerk gleichgültig bis skeptisch gegenüberstehenden Bevölkerung und im Zeichen neu errichteter Grenzzäune zur Lektüre nur empfohlen werden kann.

          Christina Norwig: Die erste europäische Generation. Europakonstruktionen in der Europäischen Jugendkampagne 1951-1958. Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 360 S., 36,90 €.

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