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Carroll P. Kakel III. : Ausrottung als Kriegsziel

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Carroll P. Kakel III sieht deutliche Gemeinsamkeiten zwischen der Kolonisierung des amerikanischen Westens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und den deutschen Siedlungsabsichten in Mittelosteuropa während des Zweiten Weltkrieges.

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          Von Amerika lernen heißt siegen lernen? Hitler zumindest sah es so. Man müsse, so erklärte er 1942, die im Osten Europas „unterworfenen Völker auf einem möglichst niedrigen Kulturniveau“ halten, so wie dies „bei den Negern und Indianern“ in Nordamerika praktiziert werde. Die Partisanenbekämpfung in der Sowjetunion, davon war er überzeugt, ähnele dabei den dortigen „Indianerkämpfen“. Doch lässt sich, wie Hitler dies postulierte, der deutsche Massenmord in Mittelosteuropa während des Zweiten Weltkrieges überhaupt mit der weitgehenden Ausrottung der indigenen Bevölkerung in Nordamerika vergleichen? Erst einmal regt sich eine gewisse Skepsis. Andererseits erinnern sogar Begrifflichkeiten wie das geplante „Judenreservat“ im vom Reich besetzten Polen oder Bilder von deutschen Siedlerkolonnen, die in Planwagen gen Osten ziehen, an die Geschichte der Vereinigten Staaten.

          Auch andere amerikanische Entwicklungen könnten einen sensibel angelegten Vergleich mit dem „deutschen Osten“ rechtfertigen. Man denke etwa an die systematische Vertreibung der Indianer aus ihren angestammten Siedlungsgebieten, die Rolle von amerikanischen Rangern und Bürgerwehren bei der Ermordung von ganzen Stämmen, an die planmäßige Zerstörung von Feldern oder Nahrungsmitteldepots sowie die Verbreitung von Alkoholismus oder Seuchen, um die Widerstandskraft der indigenen Bevölkerung zu schwächen. In einem Bericht des US-Kongresses vom 26. Januar 1867 wurden deshalb auch die „Ausrottungskriege“ als Grund für den rapiden Bevölkerungsrückgang der Indianer genannt. Diese Kriege, so das Resümee, hätten sich insgesamt zu einem „unterschiedslosen Abschlachten von Männern, Frauen und Kindern“ entwickelt. Dabei wurden zugleich rassistische Stereotype deutlich, da es sich bei den Indianerkriegen, so der Kongress, um einen „unkontrollierbaren Konflikt zwischen einer höherwertigen und einer minderen Rasse“ handele.

          Carroll P. Kakel III sieht deutliche Gemeinsamkeiten zwischen der Kolonisierung des amerikanischen Westens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und den deutschen Siedlungsabsichten in Mittelosteuropa während des Zweiten Weltkrieges. Für ihn finden sich vielfache Parallelen in Hinblick auf die territoriale Expansion, aber auch die „rassische Säuberung“ der eroberten Gebiete durch Vertreibung und Ermordung der indigenen Bevölkerung. Um seine Hypothese zu belegen, untersucht er die ideologischen Grundlagen der amerikanischen Westexpansion und des deutschen Lebensraumkonzepts. Daneben analysiert er den „Siedlerkolonialismus“ und fragt, in welcher Weise sich Deutsche und Amerikaner Territorien aneigneten beziehungsweise wie diese Gebiete anschließend besiedelt werden sollten. Seine Erwägungen rundet Kakel damit ab, dass er den Umgang mit der indigenen Bevölkerung - also Vertreibung und Massenmord - vergleicht. Insgesamt kommt er zum Schluss, dass es weitgehende Parallelen der Entwicklung gebe. Ja, Kakel geht sogar so weit zu behaupten, dass NS-Deutschland „in erheblichem Maße vom nordamerikanischen Präzedenzfall und Modell beeinflusst wurde“. Die Entwicklung in Mittelosteuropa stellt seiner Ansicht nach „den logischen Höhepunkt der vorangegangenen angloamerikanischen kontinentalen imperialistischen Ideologie dar“.

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