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Carl Eduard von Coburg : Victorias Enkel als Hitlers Herzog

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Carl Eduard von Coburg (rechts) mit dem britischen Botschafter Henderson 1939 Bild: Verlag: S. FISCHER

Das wichtigste Amt, das Carl Eduard von Coburg von 1933 bis 1945 bekleidete, war das des Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes. Er erwies sich hier als ein williger und treu ergebener Unterstützer des Nationalsozialismus, Hitler versilberte ihm die Gefolgschaft mit hohen Aufwandsentschädigungen.

          Ein wenig in die Irre führt der Titel schon. Weder handelt das Buch von einem Diplomaten, noch wäre unter diesen der Adel ein geeignetes Distinktionsmerkmal gewesen - auch nicht während des „Dritten Reichs“. Aber es stimmt ja: Misstrauisch gegenüber den Karrierediplomaten im Auswärtigen Amt, denen der reihenweise Parteieintritt erst einmal nichts einbrachte, nutzte Hitler zahlreiche Kanäle neben der klassischen Diplomatie. Das führte zu teilweise konkurrierenden Nebenaußenpolitiken anderer staatlicher Akteure, von NS-Funktionären oder ambitionierten Privatleuten. Und einer davon war eben Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha.

          Hubertus Büschel beginnt seine Biographie dieses wenig bekannten Aristokraten mit einer Vorausblende, in der er eine skurrile Begebenheit aus den letzten Kriegstagen 1945 beschreibt. In Berlin verteidigte Hitler noch seinen Bunker, als auf der Coburger Veste amerikanische Offiziere auf den seit der Revolution 1918 nicht mehr regierenden Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha trafen. Der trug Hofjagduniform, seine NS-Ehrenzeichen hatte er abgelegt. Das überdimensionierte Hakenkreuz am Turm seines Sommerschlosses Callenberg war nicht so rasch zu entfernen gewesen. In dem sich anschließenden Verhör zeigte der Herzog keine Einsicht in seine zurückliegenden Verfehlungen. Mehr noch, zur Verblüffung seiner amerikanischen „Gäste“ erklärte er sich bereit, die Regierung Deutschlands zu übernehmen. Wer war dieser seltsame Adlige, der noch im Angesicht des Zusammenbruchs die Idee des Nationalsozialismus für „wundervoll“ empfand, sich selbst aber zum „kleinen Mann“ im nationalsozialistischen Getriebe erklärte?

          Carl Eduard wurde geboren als Herzog von Albany, der vor seiner Geburt verstorbene Vater war ein Sohn der englischen Königin Victoria gewesen. Im Alter von nur 15 Jahren fiel dem jungen Engländer die Thronfolge im Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha zu. Sein weiterer Werdegang verlief nicht ungewöhnlich: privater Unterricht und Eliteschule, Kadettenanstalt und Garderegiment, Jurastudium mit Studentenverbindung, Heirat innerhalb des Hochadels.

          Er selbst war ein Cousin Kaiser Wilhelms II., seine Frau eine Nichte der Kaiserin. Der junge Herzog Charly blieb seiner Heimat England zunächst eng verbunden, dessen ungeachtet suchte er in Deutschland schon vor 1914 den Anschluss an nationalistische Kreise. Zum Bruch kam es während des Weltkriegs. Damals konnte Carl Eduard erste diplomatische Gehversuche machen, als das Auswärtige Amt ihm Verhandlungen mit dem bulgarischen Zaren Ferdinand anvertraute. 1917 schloss er dann englische Thronfolger für Coburg aus, was die Briten mit der Aberkennung seines englischen Adelstitels beantworteten.

          Das Ende der Monarchie in Deutschland kostete ihn zwar die kleine coburgische Landesherrschaft, nicht aber Einfluss und Vermögen. Fortan verschrieb sich Carl Eduard der „Neuen Rechten“, völkisches Gedankengut prägte sein weiteres Leben. Er finanzierte und versteckte den rechtsradikalen Terroristen Ehrhardt, förderte allerlei rechte Gruppierungen und traf schon 1922 auf seinen späteren „Führer“ Adolf Hitler.

          Der Herzog sammelte Funktionen, Ämter und Titel, aber auch lukrative Aufsichtsratsposten in der Industrie, bei Banken und Versicherungen. Ein international vernetzter Multifunktionär mit Hang zum rechten Denken kam den Nationalsozialisten gelegen. Mitglied ihrer Partei wurde er am 1. Mai 1933, er unterstützte die SS finanziell, brachte es zum SA-Obergruppenführer und zum Reichstagsmandat. In einer Reihe von NS-Organisationen bekleidete er Ehrenführerschaften, in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft übernahm er einen Sitz im Senat. Büschel fasst zusammen: „Über seinen Schreibtisch liefen somit zentrale wirtschaftliche und wissenschaftsstrategische Entscheidungen.“ Die zahlreichen Posten brachten ihn in engen Kontakt mit den Größen der NS-Herrschaft und mit Hitler. Chefpropagandist Joseph Goebbels sah in ihm einen „wahren Edelmann“.

          Zum Diplomaten im eingangs beschriebenen Sinne machte ihn aber erst die Begegnung mit Joachim von Ribbentrop, selbst ein Neuling in der Außenpolitik. Carl Eduard von Coburg öffnete ihm Türen in London, die sonst vermutlich verschlossen geblieben wären. Umso leichter konnte sich Ribbentrop für das Amt des Reichsaußenministers profilieren. Das vielleicht wichtigste Amt, das Carl Eduard von Coburg von 1933 bis 1945 bekleidete, war die des Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes. In dieser Funktion unternahm er zwei Weltreisen mit außenpolitischer Wirkung. In England, Japan, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion traf er höchste Politiker inklusive Roosevelt, Molotow und den japanischen Kaiser Hirohito. Folgt man dem Biographen, war der Coburger ein williger und treu ergebener Unterstützer des Nationalsozialismus, Hitler versilberte ihm die Gefolgschaft mit hohen Aufwandsentschädigungen. Gleichwohl galt er der Spruchkammer im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer und Minderbelasteter. Die 5000 DM Sühne leistete er leicht.

          Das durch viele Kapitel aufgelockerte, leicht zu konsumierende Buch (der Rezensent meint das positiv) führt einen Täter der zweiten Reihe vor. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil sich bereits lokale Legenden im rechten Spektrum gebildet hatten, denen Büschel mit erfreulicher Unterstützung der Coburger Herzogsfamilie den Wind aus den Segeln nehmen kann. Gleichzeitig steht Carl Eduard von Coburg beispielhaft für die Verquickung des Adels mit dem Nationalsozialismus, ein zu lange zu wenig wahrgenommenes Phänomen.

          Hubertus Büschel: Hitlers adliger Diplomat. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016. 336 S., 24,99 €.

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