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Bundeswehr am Hindukusch : Lähmende Selbstabsicherung

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Flughafen Kunduz: Verteidigungsminister Struck (rechts) Anfang 2004 Bild: Abb. a. dem bespr. Band

Philipp Münch gelingt mit der Analyse des Afghanistan-Einsatzes der Nachweis, dass die Unterschiede im Habitus zu Friktionen zwischen den Männern an der Front und den Entscheidungsträgern in Stäben und Regierungsetappe beitrugen.

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          Warum ist die Afghanistan-Politik von fünf Bundesregierungen, von UN und Nato gescheitert? Warum bleibt der Bundeswehreinsatz zur Verteidigung der deutschen Sicherheit am Hindukusch eine Fehlinvestition? Zwar ist das Buch von Philipp Münch, Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, primär auf die Untersuchung „militärischer Handlungslogik in internationalen Interventionen“ am Beispiel der Bundeswehr ausgerichtet. Aber es trägt auch überzeugende Analysen zur Beantwortung der Fragen nach dem Misserfolg der Afghanistanpolitik bei.

          Münchs analytisches Instrumentarium basiert wesentlich auf dem Habitusbegriff des Soziologen Pierre Bourdieu: Politiker, Soldaten, Beamte sind nachhaltig geprägt durch ihre Herkunft und Bildung, durch die Sozialisation in ihrer beruflichen Organisation, in ihrem politisch-gesellschaftlichen Wertesystem. All dies macht ihren Habitus aus. Zentral für die Analyse der Verhaltensweisen der Bundeswehrsoldaten auch im Afghanistan-Einsatz ist nach Münch der unterschiedliche Habitus von Offizieren, insbesondere Generälen und Stabsoffizieren einerseits und andererseits von Unteroffizieren und Mannschaften, vor allem in den Kampftruppen. Erstere neigen auf Grund ihrer Sozialisation in den militärskeptischen Eliten der Bundesrepublik und ihrer karriereorientierten Angst vor Fehlern eher zu einer beamtenhaften Absicherung ihres Handelns. Das gilt insbesondere für Entscheidungen zur Anwendung militärischer Gewalt.

          Soldaten der Kampftruppen leben dagegen in einer anderen Welt. Sie wollen sich im Kampf beweisen, gehen Risiken ein. Münch versucht aufzuzeigen, dass nicht wenige dieser Kämpfer soldatische Nähe eher bei „robusten“ Nato-Kameraden suchen, sich aber auch auf deutsche Wurzeln in beiden Weltkriegen besinnen. Es sei dahingestellt, ob dies die Kampftruppen der Bundeswehr durchgängig prägt. Jedenfalls gelingt Münch mit der Analyse des Afghanistan-Einsatzes der Nachweis, dass die Unterschiede im Habitus zu Friktionen zwischen den Männern an der Front und den Entscheidungsträgern in Stäben und Regierungsetappe beitrugen. Zwar führten die von Kämpfern beklagte Zurückhaltung und der habituelle Absicherungsinstinkt militärischer Führer am Hindukusch zu einer Minimierung des Risikos für die Soldaten. Deswegen wurde aber nicht selten auf gefährliche Operationen verzichtet. Mit ihnen hätten lokale Warlords und Taliban in der Erfüllung des Sicherheitsauftrages bekämpft werden können. Auch wichtige Hilfe beim Staatsaufbau wurde so verhindert.

          Münch nutzt eine weitere analytische Kategorie Bourdieus für seine Analysen: Die im eigenen soziokulturellen Kontext habituell erworbenen Maßstäbe legen Akteure internationaler Missionen bei ihrem Handeln auch an fremde Gesellschaften an. Sie wollen andere Kulturen gemäß ihrer Leitbilder formen - etwa ein zerrüttetes, teils noch archaisches Afghanistan nach dem Modell moderner „westlicher“ Demokratien. Hinzu kommt, dass sie alles daransetzen, die Macht der Bürokratie, der sie angehören und in der sie nach Karriere streben, zu Lasten anderer Bürokratien durchzusetzen. Das erklärt, warum es seitens der Bundesregierung nie eine wirklich wissenschaftlich fundierte Lageanalyse zu Afghanistan oder eine zufriedenstellende Feindaufklärung im deutschen Verantwortungsbereich gegeben hat. So trug der Bundesnachrichtendienst offenbar dazu bei, eine eigene umfassende Nachrichtengewinnung der Bundeswehr in Afghanistan zu erschweren. Vermutlich war der BND nicht daran interessiert, zu viele eigene Ressourcen im Kriegstheater am Hindukusch aufzuwenden. Dies brachte in dem mehr an Globalpolitik interessierten Kanzleramt wenig Punkte. Aber in Eifersucht um sein Aufklärungs-Monopol wusste die „Bürokratie BND“ wohl eine Bundeswehrkonkurrenz zu verhindern, vielleicht auch die Auftragserfüllung.

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