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Deutsch-griechische Beziehung : Verhandlungssache Kriegsverbrechen

Gedenkstätte Skopeftirio in Athen Bild: dpa

Die Wechselwirkung zwischen Vergangenheitsbewältigung und Wirtschaftspolitik zeigt Katerina Králová auch am Beispiel der Verhandlungen über Entschädigungszahlungen für vom NS-Regime verfolgte Griechen.

          Am 26. Januar 2015, dem Tag nach seinem ersten Sieg bei einer Parlamentswahl, legte der noch nicht einmal als Ministerpräsident vereidigte Alexis Tsipras am Mahnmal in dem Athener Vorort Kaisariani vier rote Rosen zum Gedenken an Griechen nieder, die dort 70 Jahre zuvor von der SS erschossen worden waren. Der Ort, sagte sein Sprecher, stehe „für das Verlangen der Griechen nach Freiheit, nach Unabhängigkeit von der deutschen Besatzung“. Die Botschaft, die Tsipras damit übermittelte, hatten er und seine Partei im Wahlkampf immer wieder betont: Was die Deutschen den Griechen mit der Besatzung von 1941 bis 1944 angetan hatten, das wiederholten sie nun durch die dem Land auferlegte Sparpolitik. Der Auftritt in Kaisariani bildete den Auftakt zu Tsipras’ erster Amtszeit als Ministerpräsident, die vor allem aus Symbolpolitik bestand. Kurz darauf entfachte seine Regierung die Debatte über Reparationszahlungen neu. Über Wochen hielt sich das Thema in den Medien, auch wenn Berlins Regierungssprecher Seibert Athen im März geantwortet hatte, die Frage von Reparationszahlungen sei „rechtlich und politisch abgeschlossen“.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Es wäre hilfreich gewesen, wenn Mark Mazowers auf Englisch bereits 1995 erschienenes Buch „Griechenland unter Hitler“ schon damals auf Deutsch vorgelegen hätte, denn es bietet trotz einiger Ungenauigkeiten auch heute noch eine gute Einführung in die Verbrechen der deutsch-italienisch-bulgarischen Besatzungszeit in Griechenland - etwa in Kaisariani, wo am 1. Mai 1944 die SS 200 Geiseln erschoss. Stellenweise ist dem Buch anzumerken, dass Mazower sich stark von griechischen Quellen leiten ließ und so auch einige strittige Sichtweisen griechischer Historiker übernahm. Dazu gehört die in Griechenland oft zu hörende Behauptung, die im Winter 1941/42 in Athen wütende Hungersnot sei „die schlimmste im besetzten Europa außerhalb der Konzentrationslager“ gewesen. Zählt man das im okkupierten Russland belagerte Leningrad indes zum besetzten Europa, so forderte die Tragödie an der Newa ungleich mehr Opfer, was die Hungersnot in Athen nicht harmloser macht.

          Mazower beschreibt die Entstehung und das Vorgehen der griechischen Widerstandsgruppen, lässt aber einen zentralen Aspekt unbeachtet, der in Griechenland lange ein Tabu war und es zum Teil noch ist. Doch ohne diesen Aspekt lässt sich der Bürgerkrieg, der sich nahtlos an die deutsche Besatzung anschloss und 1949 mit dem Sieg der von den Amerikanern unterstützten Bürgerlichen endete, nicht verstehen: Dass auf Seiten der Kommunisten bis zu 30 000 slawischsprachige Mazedonier kämpften, denen das Zentralkomitee der griechischen kommunistischen Partei für den Fall eines Sieges die Abspaltung von Griechenland versprochen hatte, erwähnt Mazower nicht, womit das Bild an einer entscheidenden Stelle verschwommen bleibt. Insgesamt aber schildert er faktenreich, wie die Besatzung das Land in einen Strudel aus Gewalt und Blut hinabzog.

          Wo Mazower endet, setzt die tschechische Historikerin Katerina Králová mit ihrer Darstellung der deutsch-griechischen Nachkriegsbeziehungen ein. Sie nutzt vor allem deutsches Aktenmaterial, da die Arbeit in staatlichen griechischen Archiven schwierig sei: „Dies liegt an der umständlichen und hinderlichen Bürokratie, aber auch an der mangelnden Kooperationsbereitschaft des Archivpersonals ausländischen Forschern gegenüber“, so Králová. Dennoch kann sie ihre These belegen, dass der Umgang der Athener Nachkriegsregierungen mit Entschädigungsforderungen für die Okkupationszeit durch die wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von Bonn „beeinflusst“, in manchen Fällen „diktiert“ worden sei: „Ab Beginn der 1950er Jahre fungierte die Ahndung von Kriegsverbrechen als Verhandlungsgegenstand zwischen griechischer und deutscher Seite zur Erreichung anderer Ziele.“ Etwa bei dem „Tabak-Abkommen“, das 1950 bei einem Besuch des stellvertretenden griechischen Regierungschefs Giorgos Papandreou in Bonn unterzeichnet wurde: „Als Gegenleistung zur Befreiung von der Tabaksteuer war Griechenland bereit, sich aus den Verhandlungen über Reparationen zurückzuziehen“, zitiert Králová aus den Akten. Später war es Athen wegen der hohen Arbeitslosigkeit wichtiger, „Gastarbeiter“ nach Deutschland zu entsenden, als Reparationen einzufordern.

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