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Pearl Harbor : Wenn es kracht und zischt

Remember Pearl Harbor Bild: AP

Die endgültige Entscheidung zum Militärschlag fiel am 1. Dezember 1941 bei einer Konferenz mit Kaiser Hirohito. Die Überlegenheit der Amerikaner in so gut wie allen Bereichen war den japanischen Entscheidungsträgern dabei durchaus bewusst.

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          Oft und gern wird über den Schreibstil deutschsprachiger Historiker gelästert. In der Tat ist es zuweilen eine Herausforderung, gelehrte Werke zu lesen. Von einem Mann wie Takuma Melber, laut Klappentext unter anderem Berater für eine ZDF-Dokumentation, darf Lesbares erwartet werden. Die Erwartung wird nicht enttäuscht. Freilich sei die Frage erlaubt, ob es nötig war, den japanischen Außenminister „mit dem Samuraischwert rasseln“ zu lassen. Und wenn der Leser in Stabsbesprechungen der japanischen Marine entführt wird und erstaunt zur Kenntnis zu nehmen hat, welcher Offizier genau in welchem Moment „sichtlich bestürzt“ war, darf man an der Quellennähe der Darstellung zweifeln.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Das Ereignis, das so blumig beschrieben wird, hat die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nachhaltig geprägt. Der Überraschungsangriff der japanischen Marineluftwaffe auf die amerikanische Flottenbasis Pearl Harbor auf Hawaii zog die Vereinigten Staaten endgültig an der Seite Großbritanniens und der Sowjetunion in den Krieg. Einige Tage nach dem Angriff wurde der Kampf durch die Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten endgültig zum Weltkrieg.

          Eine der Ursachen des japanisch-amerikanischen Konflikts liegt in China. Hier hatte sich Japan in den Jahren nach 1931 systematisch die Vorherrschaft gesichert, weite Teile des Landes erobert und im Nordosten den Marionettenstaat Mandschukuo geschaffen. Die Amerikaner verstanden sich einerseits als so etwas wie die Schutzmacht Chinas, bestanden andererseits aber aus nationalen Interessen auf einem gleichberechtigten Zugang ihrer Unternehmen zum chinesischen Markt. Die japanische Konzeption hingegen war auf Abschottung des eigenen Herrschaftsgebietes nach außen gerichtet. Sie wollten den Kolonialismus der Europäer durch einen eigenen Kolonialismus ersetzen. Genannt wurde das dann „Großostasiatische Wohlstandssphäre“.

          Trotz des schwelenden Konflikts hatte sich die Aufmerksamkeit der amerikanischen Politik seit 1939 zunehmend auf Europa konzentriert, wo bis Sommer 1941 Großbritannien mehr oder weniger allein der wachsenden Macht Deutschlands gegenüberstand. Diese Haltung sollte später in Gestalt der „Germany first“-Strategie den Angriff auf Pearl Harbor überdauern.

          War die japanische Expansion in China schon Anlass zu Besorgnis in Washington, so wurde - wie sich zeigte, mit Recht - erwartet, dass sich das fernöstliche Kaiserreich weite Gebiete Südostasiens aneignen werde. So nutzte Japan die Niederlage Frankreichs gegen Deutschland im Juni 1940, um - mit Einverständnis der Regierung in Vichy - Französisch-Indochina zu besetzen. In Japan gab es in dieser Zeit zwei Denkschulen. Die eine trat für die Konsolidierung der eigenen Position in China ein, und zwar kombiniert mit der Möglichkeit weiterer Expansion auf Kosten der Sowjetunion. Die andere Denkschule richtete den Blick auf die tropischen Kolonien der Europäer, die entweder (Großbritannien) im Kampf gegen Deutschland standen, oder (Niederlande, Frankreich) von deutschen Truppen besetzt waren.

          Nach der Verlegung japanischer Soldaten nach Indochina verschärfte die amerikanische Regierung die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Japan. Einen Abzug lehnte Japan ab, was wiederum die amerikanische Haltung verhärtete. Es gab sogar Überlegungen für eine Präventivschlag gegen japanische Industriestädte. Letztlich hielt Washington aber die Verhängung eines Ölembargos gegen Japan für effektiver. Ausführlich beschreibt Melber die Vorgeschichte des Militärschlags. Einerseits planten die japanischen Militärs ihre Operationen. Anderseits liefen in Washington fast bis zur letzten Minute diplomatische Gespräche, um eventuell doch eine einvernehmliche Lösung herbeiführen zu können.

          Die endgültige Entscheidung zum Militärschlag fiel am 1. Dezember 1941 bei einer Konferenz mit Kaiser Hirohito. Die Überlegenheit der Amerikaner in so gut wie allen Bereichen war den japanischen Entscheidungsträgern dabei durchaus bewusst. Sie hofften aber auf einen Verlauf wie im Krieg gegen Russland 1904/05. Der hatte schließlich mit einem japanischen Erfolg am Verhandlungstisch geendet, nachdem sich die eigenen Soldaten, besonders die Marine, militärisch überraschend gut gegen die kontinentale Großmacht geschlagen hatten. Der Angriff startete am frühen Morgen des 7. Dezember 1941 (in Japan war schon der 8. Dezember). Sobald die Flugzeuge in der Luft sind, liest sich das Buch wie die berühmte Hollywood-Verfilmung des Ereignisses. Es kracht und zischt aus jeder Zeile. Die politische Einordnung am Ende gerät darüber ein wenig kurz.

          Takuma Melber: Pearl Harbor. Japans Angriff und der Kriegseintritt der USA. Verlag C.H. Beck München 2016. 223 S., 16,95 €.

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