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Wladimir Putin : Ungeahnte Vergangenheit

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Russischer Joseph Stalin-Anhänger am 5. Mai 2016, dem 63. Todestag Stalins, auf dem Roten Platz in Moskau Bild: AFP

In ihrem Werk über Stalinismus und staatliche Geschichtspolitik in der Ära Putin kommt Anna Becker zu dem Ergebnis, dass - aufgepasst! - der Stalin-Mythos vom russischen Machthaber Wladimir Putin zur Sicherung seiner Herrschaft instrumentalisiert wird.

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          „Es ist sehr behaglich, Stalinist zu sein, wenn man weiß, dass man eines Nachts nicht abgeholt wird und dass niemand am Schreibtisch die Erschießungslisten schreibt.“ Dieser Ausspruch stammt nicht etwa aus dem Munde eines der Opfer des sowjetischen Diktators. Nein, 2012 erklärte dies der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew. In ihrem Werk über Stalinismus und staatliche Geschichtspolitik in der Ära Putin kommt Anna Becker zu dem Ergebnis, dass - aufgepasst! - der Stalin-Mythos vom russischen Machthaber Wladimir Putin zur Sicherung seiner Herrschaft instrumentalisiert wird. Dieser Mythos, weniger die Person Stalin, habe die Funktion, den autoritären Politikstil Putins zu legitimieren und der heterogenen Gesellschaft in Russland eine kollektive russisch-sowjetische Mischidentität zu verschaffen.

          Nun ja, das ist erst einmal nicht wirklich überraschend, doch erfreut Becker mit weiteren Differenzierungen: Bis 2009 könne man eine schleichende Rehabilitierung Stalins beobachten. Zugleich sei jedoch durchaus auch die Frage des stalinistischen Terrors gegen die eigene Bevölkerung thematisiert worden. Letztlich aber sähen Putin und viele Russen im Sieg Stalins über das nationalsozialistische Deutschland eine grundlegende Errungenschaft des Diktators, die seine übrigen Verbrechen in den Schatten stelle. Zwischen 2009 und 2013 sei es dann aber, so Becker, insofern zu einer gewissen „Entstalinisierung“ gekommen, als sich kritischere Äußerungen von Medwedew und Putin zu Stalin fanden. Grund hierfür sei die Sorge der Machthaber gewesen, dass nationalistische und kommunistische Kreise die Stabilität ihrer Herrschaft bedrohen könnten. Putin ist also, so die korrekte Schlussfolgerung Beckers, trotz seines autoritären Herrschaftsstils kein Stalinist. Und ebenso richtig wird konstatiert, dass in Russland trotz bedenklicher Beschränkungen der Meinungsfreiheit den Menschen noch kein allgemein verbindliches Meinungsmonopol des Staates aufgezwungen wird. Jedoch werden der Bevölkerung die staatlichen geschichtspolitischen Grundüberzeugungen sehr nachdrücklich vermittelt.

          Seit Beginn der Krim-Krise aber - dies bleibt in diesem Buch, das die Zeit bis Anfang 2015 behandelt, leider ungesagt - stützt sich Putin wieder vermehrt auf Stalin als Personifizierung eines Großmachtanspruchs, der von Phantomschmerz geprägt erscheint. Angesichts der aktuellen Konflikte, in die sich Russland nur zu bereitwillig begeben hat, dient der Stalin-Mythos dazu, die Notwendigkeit eines starken Staates und einer entschlossenen Führung zu rechtfertigen. Die Erinnerung an den Sieg Stalins im Großen Vaterländischen Krieg hat also die Kohärenz der russischen Gesellschaft zu erhöhen - keine leichte Aufgabe für die Regierung, wenn dabei der Urlaub in die Türkei ins Wasser fällt. Aber vielleicht richtet es ja die aktuelle Ausstellung in Moskau, bei der die gütigen und machtvollen Zaren gepriesen werden. Honi soit qui mal y pense - und wer würde dabei schon an den Zaren Wladimir Putin denken? Zu wenig ist überraschend und zu viel weitgehend bekannt. Der kulturwissenschaftlich geprägte Ansatz vermag dabei nicht zu überzeugen, denn als Folge verschwimmt die Politik vielfach im Nebel. Dabei stehen Geschichtspolitik sowie Innen- und Außenpolitik in einem engen Kontext, ja fordern geradezu mannigfaltige Fragen heraus, die aber leider unbeantwortet bleiben: Welche Bedeutung hatte es für die Geschichtspolitik, ob Putin als Präsident beziehungsweise als Ministerpräsident amtierte? Welche Auswirkungen hatten dabei die Demonstrationen im Zusammenhang mit den Duma-Wahlen 2011, die einen grundlegenden Radikalisierungsprozess bei der Kreml-Führung auslösten? Welche Folgen zeitigen die Putin’schen Universitätsreformen, die zum Ziel haben, die Geschichtswissenschaft in ihrer Kritikfähigkeit an der staatlichen Geschichtspolitik zu begrenzen?

          Auch die gesellschaftlichen Dimensionen erscheinen merkwürdig blass, wichtige Fragen bleiben offen: Welcher Interaktionszusammenhang besteht zum Beispiel in Hinblick auf den Stalin-Mythos zwischen Bevölkerung und Regierung? Wie reagieren unterschiedliche soziale Gruppen auf den Stalin-Mythos, man denke etwa an die westlich geprägte großstädtische Intelligenzija oder die Landbevölkerung? Wie lässt sich erklären, dass ab 2009 eine relative Entstalinisierungswelle zu verzeichnen war, während zugleich eine „Falsifizierungskommission“ eingerichtet wurde, die den angeblichen „Schmähungen“ der Leistungen der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg die einzig wahre Meinung entgegenhalten wollte? Insgesamt hat die staatliche russische Geschichtspolitik einen unschätzbaren Vorteil, den man nicht missen möchte: Russland bleibt ein Land mit unvorhersehbarer Vergangenheit.

          Anna Becker: Mythos Stalin. Stalinismus und staatliche Geschichtspolitik im postsowjetischen Russland der Ära Putin. Bebra-Verlag, Berlin 2015. 152 S., 19,95 €.

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