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Klemens von Klemperer : Der Anwalt der Verlassenen

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Klemens von Klemperer Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Der Historiker Klemens von Klemperer warnte stets vor einer unkritischen Verherrlichung der Verschwörer vom 20. Juli 1944, jedoch auch umgekehrt vor „schickem“, „besserwisserischem Herunterreißen“. Ihn störte in den sechziger Jahren jener „vorbeugende Widerstand“.

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          Klemens von Klemperer zählt zu den namhaftesten Historikern der Geschichte des deutschen Widerstandes. Der 1916 in Berlin geborene Spross einer österreichisch-jüdischen Bank- und Industriellenfamilie wuchs hochherrschaftlich in der Reichshauptstadt auf und konnte dort 1934 noch das Abitur machen. Kurz darauf musste sein Vater Herbert, Generaldirektor der Berliner Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft, den „Absturz von der Spitze der Gesellschaft ins Bodenlose, vom Wirtschaftskapitän zum Obdachlosen“ erleben; ihn und seine Angehörigen konnte - wie Ekkehard Klausa jetzt hervorhebt - „nur die Flucht ins Ausland vor Verfolgung und letztlich vor den Mordbuben des Holocaust retten“. Am Balliol College in Oxford bekam Klemens einen Studienplatz, wollte aber nach kurzer Zeit lieber in Wien die nationalsozialistische Gefahr abwehren und seinen Beitrag leisten, „das Land zum Exil für die gute deutsche Tradition und für gute Deutsche zu machen. Er und seine Freunde Fritz und Otto Molden sahen sich als Fahnenträger des Reichs - nicht des Dritten, sondern des mittelalterlichen Sacrum Imperium. Dieses christliche Universalreich des römisch-konservativen Kaisertums war das romantische Ideal vieler Konservativer. Sie nannten sich das ,Graue Freikorps‘, trugen die Kluft mit dem Schillerkragen der Bündischen Jugend und lieferten sich Prügeleien mit Jungnazis auf der Straße“, erzählt Klausa. Beim Einmarsch der Wehrmacht in einer Märznacht 1938 wurde Klemens noch ein museumsreifes Gewehr mit Bajonett in die Hand gedrückt: „Als aber Bundeskanzler Schuschnigg am Morgen im Radio verkündete, man weiche der Gewalt, wurden die Schießeisen wieder eingesammelt.“ Er entkam, zunächst zu den Eltern nach Berlin, dann Ende 1938 per Schiff nach New York, wo ihn seine Brüder erwarteten; Vater Herbert traf mit seiner Frau Frieda und seiner Tochter Lily Anfang 1939 in England ein.

          Die Molden-Brüder sollen gleich nach dem „Anschluss“ und noch beherzter im Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben. „Ihr Beispiel hat sich in mein Gedächtnis eingegraben, und deshalb entschloss ich mich später, viele Jahre meiner Arbeit als Historiker der Sache des Widerstandes zu widmen“, schrieb Klemperer in seinen Lebenserinnerungen. An der Harvard University studierte er Geschichte, wurde 1943 Soldat und amerikanischer Staatsbürger, war 1944 als Leutnant in Paris stationiert, dann 1945 zunächst in Frankfurt am Main und in Berlin, wo er beim Aufbau des Berlin Document Center als Personalchef für die deutschen Hilfskräfte mitwirkte. 1946 verließ er die Armee, setzte sein Studium in Harvard fort, wo er 1949 mit einer Studie über „Germany’s New Conservatism“ promoviert wurde. Im selben Jahr wurde er an das Smith College in Northampton/Massachusetts berufen, dem er bis zur Emeritierung 1987 treu blieb.

          Der sehr lesenswerte Sammelband enthält 20 Beiträge, die zwischen 1969 und 2010 erschienen sind; lediglich der Aufsatz „Der Bischof und der Pastor“ ist eine Erstveröffentlichung. Hier beantwortet Klemperer die Frage, ob der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, zum Widerstand gerechnet werden könne: „Nein. Ein Kirchenfürst im Widerstand - das wäre nicht mit seiner christlichen Funktion vereinbar gewesen.“ Im Anschluss an Richard Löwenthal diagnostizierte Klemperer bei Galen institutionelle Verweigerung: „Das ist ein Widerstehen, das sich bei aller Opposition gegen das Establishment doch primär um das institutionelle Überleben sorgte.“ Demgegenüber habe sich der evangelische Theologe und Pastor Dietrich Bonhoeffer dem weltlichen Sektor zugewandt und „die Schwelle zwischen Verweigerung und Widerstand“ übersprungen.

          Klemperer warnte stets vor einer unkritischen Verherrlichung der Verschwörer vom 20. Juli 1944, jedoch auch umgekehrt vor „schickem“, „besserwisserischem Herunterreißen“. Ihn störte in den sechziger Jahren jener „vorbeugende Widerstand“ der damaligen Studentengeneration als „immerwährender Widerstand“: Dieser habe „nicht nur zum Widerstand gegen das Gesetz geführt, sondern selbst wieder eine neue Form der Tyrannei und Missachtung der Mehrheitsmeinung geschaffen“. Oft hob er die Frömmigkeit der Hitler-Gegner hervor, stellte ihre Einsamkeit heraus, machte früh auf „Widerstandskämpfer auf eigene Faust“ wie den Tischler Georg Elser oder den Konsularbeamten Fritz Kolbe aufmerksam, arbeitete Interessengegensätze bei den Kontakten der Widerständler mit den Alliierten heraus, bedachte manche Formen der Kollaboration - ob auf den deutsch besetzen Kanalinseln oder bei Marschall Pétain - mit viel Nachsicht. Besonders fasziniert war er von dem widerständigen Diplomaten Adam von Trott. Dazu ergänzt Klausa ein köstliches biographisches Detail über den 2012 verstorbenen Historiker: „Seine erste jugendliche Verliebtheit erlebte er auf Skiern 1935 im Kleinen Walsertal, wo er die siebzehnjährige Clarita Tiefenbacher traf, und er widmete ihr ein Gedicht. Erst Jahrzehnte später erfuhr er, dass sie die Ehefrau und dann die Witwe seines historischen ,Forschungsobjektes‘ Adam von Trott zu Solz geworden war.“

          Klemens von Klemperer: Der einsame Zeuge. Von der existentiellen Dimension des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Herausgegeben von Ekkehard Klausa. Lukas Verlag, Berlin 2016. 389 S., 24,90 €.

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