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Ernst von Borsig : Groß Behnitz im Widerstand

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Ernst von Borsig Bild: Abb.a.d.bespr. Band

Neben Kreisau und Klein-Oels bildete Ernst von Borsigs Gutshof Groß Behnitz den dritten Anlaufpunkt für den Kreisauer Kreis, der sich unter der Leitung von Helmuth James Graf von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg traf.

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          Am 26. Juni 1931 kam es im Rahmen der sogenannten Münchener Universitätskrawalle in einem juristischen Repetitorium zu einer Schlägerei. Damit machte der „Völkische Beobachter“ deutschlandweit auf. Was war geschehen? Der Staatsrechtler Hans Nawiasky hatte in einer Übung vertraulich daran erinnert, dass der Versailler Vertrag auf vergleichbare Weise zustande gekommen war, wie Deutschland 1918 den Vertrag von Brest-Litowsk erzwungen hatte. Nationalsozialistische Studenten hatten diesen Vergleich weitererzählt, der „Völkische Beobachter“ hatte entstellend darüber berichtet. Als der Repetitor den Völkerrechtler als Lump bezeichnete, wies ihn ein junger Jurastudent scharf zurecht und warf den „Schweinen von Nationalsozialisten“ vor, deutsche Interessen massiv verletzt und Landesverrat begangen zu haben, indem sie diese Äußerung öffentlich gemacht hätten. Als nationalsozialistische Teilnehmer des Repetitoriums dem Studenten Schläge androhten, konterte dieser ruhig: „Na, dann schlagen wir uns halt.“

          Dieser Student hieß Ernst von Borsig, stammte aus einer bekannten Großindustriellen-Familie, die sich vor allem als Dampflokomotiven-Hersteller weltweit einen Namen gemacht hatte. 1906 als jüngstes von vier Kindern geboren, studierte er Volks- und Landwirtschaft und übernahm 1933 das familieneigene Gut Groß Behnitz, westlich von Berlin gelegen. Er machte nicht nur das Gut mit Blick auf die Holzbewirtschaftung zu einem Vorzeigeunternehmen, sondern übernahm auch die vielfältigen sozialen Verpflichtungen als Gutsbesitzer. Wiederum kam es zu Konflikten mit den Nationalsozialisten.

          Als Gutsherr war Borsig auch Kirchenpatron in Groß Behnitz, der für den Unterhalt der örtlichen evangelischen Kirche sorgen musste, dafür aber über die Einstellung des Pfarrers entscheiden durfte. Als 1937 die Seelsorgerstelle neu besetzt werden sollte, entschied sich Borsig im Einvernehmen mit der übergroßen Mehrheit der Gemeinde bewusst für einen Pfarrer der Bekennenden Kirche. Einzelne Behnitzer, darunter der Bürgermeister und ein Oberlehrer, versuchten in der Folge, mit Denunziationen, Drohungen und Beschwerden bis auf oberste Reichsebene die Einsetzung des Geistlichen zu verhindern. Ein halbes Jahr musste Borsig kämpfen, bis sein Kandidat offiziell von der Landeskirche in seinem Amt bestätigt wurde und feierlich als Pfarrer eingesetzt werden konnte.

          Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich das Gut Groß Behnitz zu einem wichtigen Treffpunkt für Gegner des Nationalsozialismus. Freundschaften aus Schul- und Studienzeit bildeten eine wichtige Vertrauensbasis für Kritik am NS-Regime und Planungen für die Zeit nach dem Scheitern der Nationalsozialisten. Neben Kreisau und Klein-Oels bildete Borsigs Gutshof Groß Behnitz den dritten Anlaufpunkt für den Kreisauer Kreis, der sich über mehrere Jahre unter der Leitung von Helmuth James Graf von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg in unterschiedlichen personellen Konstellationen traf. Borsig war vor allem an den Diskussionen über eine zukünftige Landwirtschaftspolitik und die Umgestaltung des ländlichen Raumes beteiligt. Dabei kam ihm in den entsprechenden Beratungen die Rolle als liberaler Gegenpart zu Moltke zu.

          Borsig, den Moltke einmal als klug, aufgeschlossen, aber „etwas zu sehr Landwirt“ beschrieb, rückte jedoch nicht in den „Inner Circle“ des Kreisauer Kreis vor. Dies ermöglichte es ihm und seiner Frau, die Gestapo zu täuschen und die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe von Gegnern des Nationalsozialismus zu verheimlichen, nachdem die meisten Mitglieder des Moltke-Kreises verhaftet worden waren. Anders als viele Kreisauer überlebte Borsig das nationalsozialistische Terrorregime, wurde jedoch von den Sowjets festgenommen und starb in der Haft. Sein Leben rekonstruiert - mit großen Überlieferungslücken kämpfend - Ernst-Friedrich Harmsen unter Rückgriff auf familieneigenes Material.

          Ernst-Friedrich Harmsen: Ernst von Borsig. Märkischer Gutsherr und Gegner des Nationalsozialismus. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2015. 208 S., 24,99 €.

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