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Brüder im Geiste : Freundschaft als ideologische Waffe

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Beim Pressefest der kommunistischen Zeitung „L’Humanité“ 1949 war das Verhältnis zur Sowjetunion noch intakt. Bild: Ullstein

Sie dienten der inoffiziellen Einflussnahme auf den Westen. Eine Geschichte der sowjetischen Freundschaftsgesellschaften.

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          Die Sowjetunion wollte nicht nur eine militärische, sondern auch eine kulturelle Supermacht sein. Am besten lässt sich dieser Anspruch mit dem Konzept der „Soft Power“ beschreiben, das der Politikwissenschaftler Joseph Nye 1983 eingeführt hat. Er wies darauf hin, dass Staaten ihre außenpolitischen Ziele nicht nur durch Aufrüstung oder internationale Wirtschaftshilfe erreichen können, sondern auch durch die Anziehungskraft ihrer Kultur, ihrer Ideale und ihrer politischen Entscheidungen.

          Bereits unmittelbar nach der Oktoberrevolution waren die Bolschewiken darauf bedacht, ihr Image im Ausland aufzubessern. Schon 1925 wurde die VOKS gegründet, eine Organisation, die sich den kulturellen Beziehungen mit dem Ausland widmete. Der Arbeiter- und Bauern-Staat wollte nicht nur die fortschrittlichste und gerechteste Gesellschaft auf der Welt schaffen, sondern auch Höchstleistungen in Literatur, Kino und Kunst erbringen. Aus der Sicht vieler Westeuropäer war das kommunistische Experiment faszinierend. Der Hitler-Stalin-Pakt zeigte allerdings auch, wie anfällig das Sowjetsystem für ideologische Korruption war. Erst 1941 erhielt Moskau durch den Wechsel auf die Seite der Alliierten neuen moralischen Kredit. So befürworteten 86 Prozent der Briten im Januar 1942 die Fortführung der sowjetisch-britischen Militärallianz nach Kriegsende. 67 Prozent der Franzosen glaubten im September 1944, dass die Rote Armee am meisten zum Sieg über Nazideutschland beigetragen habe.

          Allerdings bröckelte diese enthusiastische Unterstützung, nachdem sich der Eiserne Vorhang gesenkt hatte. Umso eifriger betrieben die sowjetischen Behörden den Aufbau von „Freundschaftsgesellschaften“ in Westeuropa. Dabei nutzten sie geschickt bestehende Werthaltungen aus, die nicht unbedingt kommunismusfreundlich waren, sich aber gegen einen gemeinsamen Feind richteten. In Frankreich gelang es, zahlreiche Gaullisten in einen prosowjetischen Dunstkreis zu locken. In Großbritannien konnten Labour-Mitglieder für die Moskauer Sache gewonnen werden. Und in Deutschland war die erhoffte Überwindung der Nazi-Vergangenheit ein wichtiger Treiber für linke Sympathien. In allen diesen Fällen zeigte sich eine deutliche Abneigung gegen Amerika, das ganz im Sinne der Propaganda als „imperialistisch“ und „antidemokratisch“ wahrgenommen wurde.

          Die Tübinger Historikerin Sonja Großmann legt nun eine vorbildliche Studie zur „Cultural Diplomacy“ der Sowjetunion während des Kalten Kriegs vor. Sie hat zahlreiche Erinnerungen, Zeitschriften und Archivquellen ausgewertet und zeichnet ein differenziertes Bild der „Freundschaftsgesellschaften“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nirgends in Europa konnten diese Organisationen eine Breitenwirkung entfalten. Immerhin wurden zusätzliche Sympathisanten der So-wjetunion mobilisiert, die sich nicht in einer der suspekten eurokommunistischen Parteien engagieren mochten. Die Freundschaftsgesellschaften finanzierten sich offiziell durch Mitgliederbeiträge und Spenden.

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