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Arzneimittel und DDR : Wieder ein Skandal weniger . . .

  • -Aktualisiert am

Verschiedene Tabletten liegen auf einem Teller, aufgenommen am 20. Februar 2012 Bild: dpa

Die westlichen Pharmaunternehmen zahlten für Tests von Arzneimitteln in Kliniken der DDR zwar geringere Fallpauschalen als in westlichen Ländern, aber diese Differenz entsprach den im innerdeutschen Handel üblichen Abschlägen.

          Schon kurz nach dem Fall der Mauer sorgten Nachrichten über klinische Studien, die westliche Pharmahersteller seit den 1960er Jahren in der DDR hatten durchführen lassen, für skandalträchtige Schlagzeilen. Im Sommer 1991 wurden daher erste unabhängige Studien über die „Praxis von Arzneimittelprüfungen“ in der SED-Diktatur auf den Weg gebracht. Heute ist die Öffentlichkeit über die Problematik umfassend informiert, wie ein Band verdeutlicht, in dem nun systematisch die im „zweiten deutschen Staat“ durchgeführten Arzneimittelstudien analysiert und eingeordnet werden. Die Studie stellt zugleich den nüchternen Abschlussbericht einer fächerübergreifenden Untersuchungskommission dar, die unter Federführung des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité Berlin ihre Arbeit in staatlichen und in Firmenarchiven aufnahm und die Ergebnisse durch Expertenbefragungen und Zeitzeugengespräche absicherte.

          Die Liste der insgesamt rund 150 westlichen Firmen führt so gut wie alle Branchengrößen auf: Boehringer Mannheim, Hoechst, Schering, Bayer, Sandoz, Ciba Geigy und zahlreiche andere europäische, amerikanische und japanische Hersteller gaben klinische Studien in Ost-Berlin in Auftrag. Dass die DDR auf dem medizinischen Feld nicht zimperlich war, ist bekannt: Geschäfte mit klinischen Studien, Organhandel, Psychiatrisierung und Sport-Doping sind nur einige Schlagworte, die den ganzen Umfang der Indienstnahme der Medizin zum Machterhalt und Machtausbau der Nomenklatura unter Ulbricht und Honecker andeuten.

          Und doch bleibt von den Pressemeldungen, die noch 2013 aufgeregt von „Versuchskaninchen“ und „Menschenversuchen“ berichteten, vergleichsweise wenig übrig. „Der Skandal, der keiner war“: So ist jetzt das Abschlusskapitel betitelt. Die Verfasser haben allein für die Zeit zwischen 1982 und dem Untergang der DDR 447 nachgewiesene honorierte Auftragsstudien unter die Lupe genommen. Sie nennen in ihrer Studie, die mit zahlreichen Tabellen ergänzt wurde und erfreulicherweise ganz ohne Fachchinesisch auskommt, fünf gewichtige Gründe: Zunächst waren die entsprechenden Versuche als zentrales Element klinischer Forschung nicht die Ausnahme, sondern die Regel beim Versuch, neue Wirkstoffe zu entwickeln beziehungsweise die Behandlungsmöglichkeiten bei bewährten Arzneimitteln zu erweitern. Sie waren meist Teil großangelegter Forschungsvorhaben, die gleichzeitig auch in westeuropäischen Ländern durchgeführt wurden.

          Zweitens entsprachen die Tests zwar nicht den heute geltenden Standards hinsichtlich der Aufklärung der Probanden und Patienten, aber dies entsprach der weltweit üblichen Praxis - es ist ein Standard der heutigen Zeit, entsprechend höhere Ansprüche an die Pharmaunternehmen zu stellen. Dafür, dass in der DDR andere Maßstäbe als im Westen angelegt worden wären, fand die Kommission mit Blick auf die klinische Dokumentation, Prüfprotokolle und Begleituntersuchungen „keine belastbaren Hinweise“. Im Großen und Ganzen, so hält die Studie fest, gab es „keine wesentlichen Unterschiede in der Anlage und Durchführung klinischer Studien in Österreich, Westdeutschland oder der DDR“.

          Auch was die Honorierung der Medikamententests angeht, herrscht nun weitgehend Klarheit: Die westlichen Pharmaunternehmen zahlten in der DDR zwar geringere Fallpauschalen als in westlichen Ländern, aber diese Differenz entsprach den im innerdeutschen Handel üblichen Abschlägen - und die Stasi notierte aufmerksam, dass die DDR in der Pharmabranche im Vergleich zur Tschechoslowakei und zu Ungarn sogar als übermäßig teuer galt. Manche Klinik in der DDR erhielt Geräte oder Material, das sie wegen der fehlenden West-Devisen sonst nicht hätte erhalten können. Und durchgängig gab es im „zweiten deutschen Staat“, wie sich einer der beteiligten Ärzte in einem Zeitzeugengespräch erinnerte, den „Nimbus der Westpräparate“, die als wahre Wundermittel galten. Manche Patienten waren auch deshalb bereit, als Proband an den Studien mitzuwirken, weil sie wussten, dass ihnen ein besonderes Maß an Betreuung zuteilwerden würde.

          Sozusagen ein Nebeneffekt der Untersuchung ist, dass noch einmal deutlich wird, wie präsent die westeuropäischen Pharmaunternehmen schon immer in der DDR gewesen waren. Selbst nach dem Mauerbau blieben die bestehenden Verbindungen vorhanden, und die Entspannungspolitik seit den 1960er Jahren sowie die internationale Anerkennung der DDR im folgenden Jahrzehnt führte dazu, dass sich bei der zuständigen Ost-Berliner Behörde für Arzneimittelüberwachung „gewissermaßen die halbe Welt die Klinke in die Hand gab“.

          Dass die ostdeutschen Kliniken für Arzneimittelstudien genutzt wurden, hatte einen weiteren Grund: Die DDR-Behörden überwachten streng die Ausführung der Fallstudien, die Einhaltung des Zeitplans und den korrekten Abschluss und die Erfüllung der Vereinbarungen. Die Pharmaunternehmen mussten auch nicht, wie im Westen üblich, zeitraubend mit Chef- und Oberärzten komplexe Verträge aushandeln. Dies war für die westlichen Arzneimittelhersteller besonders attraktiv.

          Die strenge staatliche Regie des DDR-Regimes war den Pharmakonzernen daher hochwillkommen. Süffisant heben die Verfasser hervor, dass diese Strategie auch deshalb bemerkenswert erscheint, wenn man bedenkt, wie prononciert heute die Widerstände der Pharmaunternehmen gegen die Forderungen nach staatlicher Kontrolle und Aufsicht der klinischen Arzneimittelstudien sind.

          Volker Hess/Laura Hottenrott/Peter Steinkamp: Testen im Osten. DDR-Arzneimittelstudien im Auftrag westlicher Pharmaindustrie, 1964-1990. be.bra Verlag, Berlin 2016. 272 S., 26,- €.

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