https://www.faz.net/-gpf-6wkqt

Brandt, Schmidt und die SPD : Fortschreitende Sehschwäche

  • -Aktualisiert am

Willy Brandt gratuliert seinem Nachfolger Helmut Schmidt. Brandt war wegen der Guillaume-Affäre zurückgetreten; am 16. Mai 1974 wurde der ehemalige Finanzminister Schmidt zum neuen Bundeskanzler gewählt. Bild: dpa

Bernd Faulenbach erhebt die Kanzlerschaften von Brandt und Schmidt zum „sozialdemokatischen Jahrzehnt“ - doch es bleibt das Jahrzehnt einer zerrissenen Partei.

          5 Min.

          Periodisierungen sind in der Geschichtsschreibung gang und gäbe, aber meist nicht unproblematisch. Relativ unstrittig ist die Benennung nach Name und Regierungszeit der führenden Persönlichkeit. Kontrovers sind hingegen Periodisierungen nach sachlichen Inhaltskriterien, weil sie den Anspruch auf Sinngebung und die Tendenz zur Erhöhung einer bestimmten Politik enthalten. Zu diesem Typus gehört der vorliegende Band, mit dem die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zum sozialdemokratischen Jahrzehnt erhoben werden. Der 1943 geborene Autor ist Historiker an der Universität Bochum und zugleich Zeitzeuge und engagierter Sozialdemokrat (so als Vorsitzender der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD). Er betont eingangs, diese Tatsache dürfe nicht zu der Annahme verleiten, dass hier „Geschichte von innen oder in parteiischer Absicht“ geschrieben werde. Das Bemühen um „Gerechtigkeit des Urteils“ nimmt er ausdrücklich für sich in Anspruch; den Begriff Objektivität vermeidet er.

          Bernd Faulenbach kann auf zahlreiche eigene Vorstudien, die reichhaltigen Quellenbestände vor allem der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Willy-Brandt-Archivs und umfangreiche Sekundärliteratur zurückgreifen, die er sorgfältig nachweist und auswertet. Das klare Programm lautet: „Es geht weniger um die Feststellung neuer Details durch akribische Aktenstudien, als um die Interpretation der Entwicklungslinien der Sozialdemokratie im Kontext ihrer Zeit, unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Verhältnisse wie der internationalen Politik.“

          Sinnvollerweise wird die enge Verzahnung von Innen- und Außenpolitik nachgezeichnet. Die neue Ostpolitik, die als Modus-Vivendi-Politik im Rahmen des Konzepts einer neuen europäischen Friedensordnung interpretiert wird, war „in hohem Maße von den internationalen Tendenzen abhängig“ und wirkte auf sie zurück. Dieser Politikbereich und die breite Reformpolitik im Innern, die in einer euphorischen Stimmung durchgeführt wurde, kennzeichneten den Anfang der sozialliberalen Koalition. Abgesehen von der gelegentlichen Einfügung von Spezialkapiteln - etwa zur spannungsreichen Führungstroika Brandt-Schmidt-Wehner - folgt die Darstellung dem chronologischen Prinzip: 1969 bis 1974 und 1974 bis 1982. Die Sinnhaftigkeit dieser Gliederung ergibt sich aus dem tiefen Einschnitt des Jahres 1974, der nicht nur durch den Wechsel im Kanzleramt, sondern zudem durch den „Umschlag des Zeitklimas“, durch Wechsel der Themen und der politischen Tagesordnung und durch die erste ökonomische Krise bestimmt war. Ökonomisierung ist dort das Schlüsselwort; und die „neue Unübersichtlichkeit“ ist das situative Kennzeichen.

          Weitere Themen

          Wie Merkel die Rolle Europas stärken will

          EU-Ratspräsidentschaft : Wie Merkel die Rolle Europas stärken will

          Europa müsse als „Stabilitätsanker in der Welt“ gestärkt und als „handlungsfähige und gestaltende Macht“ weiterentwickelt werden, so die Kanzlerin in ihrer Rede. An erster Stelle nennt sie das Verhältnis zu China, an zweiter: Afrika.

          Topmeldungen

          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.