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Ronald Reagan : Was Donald von Ronald lernen könnte

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Bild: Picture-Alliance

Weder Heiligsprechung noch Verdammungsurteil: Auch über kontroverse Figuren der Zeitgeschichte kann man vernünftig schreiben - wie das Beispiel Ronald Reagan zeigt.

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          In keiner amerikanischen Nachkriegsadministration lagen Rückkehr zu den klassischen Prinzipien amerikanischer Außenpolitik (Eindämmung, Aufrüstung bei gleichzeitiger Verbreitung von Demokratie und Marktwirtschaft) seit 1945 und grundlegender Wandel der Weltpolitik (Abbau der Nuklearwaffenbestände, Einbindung Moskaus und Eintreten für Menschenrechte) so dicht beieinander wie in den beiden Amtsperioden von Ronald Reagan. Der Sammelband bringt eine Reihe namhafter Fachleute zusammen, die sich bereits in anderen Darstellungen intensiv mit einem – nach Umfragen – der populärsten und umstrittensten Präsidenten des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt haben.

          Das Ergebnis ist ein ausgewogenes, auf umfangreiches Datenmaterial gestütztes Werk, das sich wohltuend zwischen denen ansiedelt, die Reagan als Kriegstreiber und Ausgangspunkt für das ökonomische Grundübel der vergangenen drei Jahrzehnte des Landes – die Zwillingsdefizite – sehen, und denjenigen, die ihn als Helden der amerikanischen Nachkriegsgeschichte betrachten, der den großen Gegenspieler im Ost-West-Gegensatz niedergerungen hat. Der Fokus der Analyse liegt allerdings auf der Sicherheitspolitik, die in vier größeren Kapiteln sowohl das politische Establishment dieser Ära in den Blick nimmt wie auch die Strategien beider Amtszeiten gegenüber der Sowjetunion und Europa sowie dem Nahen Osten und Lateinamerika analysiert.

          Unbestritten ging Reagan in seiner Außen- und Sicherheitspolitik zunächst von einem fortgesetzten geopolitischen Expansionsdrang der Sowjetunion aus, der vor allem Mittel- und Lateinamerika, aber auch den Nahen und Mittleren Osten bedrohte. Europa hingegen, zumal Mitteleuropa, schien ihm Anfang der achtziger Jahre als die stabilste Region, ein Krieg zwischen Nato und Warschauer Pakt nahezu ausgeschlossen. Die Antwort auf diese Bedrohung sah die Administration weniger in einer zusammenhängenden Strategie oder gar in einem politischen Konzept, das auch die Analyse der Konfliktursachen in der Dritten Welt enthielt. Vielmehr sah Reagans unspezifische Sicherheitsdoktrin zunächst allein „die globale Verteidigung von Demokratie und Freiheit“, notfalls auch mit offensiven Mittel, vor. Dabei erhob er den Kampf gegen die Sowjetunion in der ersten Amtsperiode in den Rang einer „eschatologischen Auseinandersetzung“, wie seine berühmt gewordene Rede vom März 1983 („Reich des Bösen“) dokumentierte; an dieser Auseinandersetzung richtete sich vor allem in der ersten Amtsperiode Reagans strategisches Konzept aus, auch wenn die Bilanz, gemessen an ihrem Ziel einer Eindämmung des Kommunismus, sowohl mit Blick auf Mittelamerika wie auch auf den Nahen und Mittleren Osten als gemischt bis ambivalent bezeichnet werden muss.

          In der Region um den Persischen Golf und den Indischen Ozean ging die Administration zwar bald entschlossen daran, das von Jimmy Carter entwickelte strategische Konzept weiterzuentwickeln und sich offensiv für eine Offenhaltung des Golfs für den Tankerverkehr einzusetzen (beispielsweise zum Schutz Kuweits 1984), stand aber andererseits dem Krieg zwischen Iran und Irak, der Libanon-Krise 1982 und den Zusammenstößen mit Libyen 1986 zeitweise ohnmächtig gegenüber. Und in Mittelamerika gelang zwar die Ablösung eines marxistischen Regimes durch eine demokratische Regierung (Grenada), andererseits dürfte die ausschließliche Fixierung auf Nicaragua und El Salvador Chancen auf eine stärkere interamerikanische Zusammenarbeit der Demokratien maßgeblich vertan haben. Die Widersprüchlichkeiten seiner globalen Eindämmungspolitik hängen wesentlich mit Reagans Pragmatismus auf operativer Ebene einerseits und ideologischer Weltsicht andererseits zusammen, die sich in einer bisweilen zur Beliebigkeit gesteigerten Flexibilität und Inkohärenz seiner Außenpolitik zeigten. Symptomatisch dafür war seine Differenzierung zwischen „totalitären“ und „autoritären“ Regimen: So stempelte der Präsident die totalitären kommunistischen Staaten – allen voran die Sowjetunion – als die „größten Menschenrechtsverletzer“ ab, während gleichzeitig autoritäre Regime, die nicht alle Kriterien einer nach westlichen Maßstäben ausgerichteten Menschenrechtspolitik erfüllten, aber „prowestlich“ orientiert waren, Washingtons Wohlwollen genossen (Nicaragua, Haiti, Philippinen).

          Auf der anderen Seite waren es jener Pragmatismus und die moralische Überzeugung, die den Präsidenten während seiner zweiten Amtszeit veranlassten, die Gunst der Stunde entschlossen zu nutzen, als Michail Gorbatschow sich seit 1985 auf ihn zubewegte, seine aggressiven Töne gegenüber China zugunsten einer moderateren Haltung allmählich aufzugeben und bei aller Militarisierung seiner Politik kontrollierte Abschreckung zu betreiben. So stellte er sich im Fall des Versagens der Abschreckung gegen einen frühen Einsatz von Nuklearwaffen (und propagierte stattdessen einen langen konventionellen Krieg) und war außerdem am Ende ein überzeugter Verfechter nuklearer Abrüstung.

          Beide Elemente prägten die Amtszeiten Reagans in ebenso hohem Maße wie sein ideologisches Weltbild vor allem in der ersten Amtsperiode, nicht zuletzt, weil sein Kurs oft nicht nur an den politischen Realitäten scheiterte, sondern auch an den Grenzen, die ihm durch Öffentlichkeit und Kongress immer wieder gesetzt wurden. So entwickelte der Präsident auch ein Gespür dafür, wir sehr die Interventionen in Lateinamerika oder an anderen Orten Erinnerungen an Vietnam wachriefen, dass das Wiederaufleben des atomaren Wettrüstens Unbehagen und ein Drängen auf neue Abrüstungsgespräche hervorrief, zumal wenn die Führung davon sprach, Moskau im Falle einer atomaren Konfrontation überlegen zu sein.

          Die Schlussfolgerung lautet eindeutig: Die Reagan-Jahre stellten in vielem die Rückkehr zur Containment-Doktrin der unmittelbaren Nachkriegszeit dar; die Vereinigten Staaten verfolgten in den achtziger Jahren verstärkt eine nationale Strategie, die in Operationskonzepte und Streitkräfteplanung umgesetzt wurde und sich vom europäischen und dem eigenen, traditionellen Strategieverständnis immer mehr unterschied. Vor allem in der zweiten Amtszeit aber flossen Elemente eines geopolitischen Ansatzes ein, die den Erfordernissen eines stabilen Gleichgewichts in den internationalen Beziehungen wieder stärker Rechnung trugen. Sie trugen maßgeblich dazu bei, dass politische Instabilitäten und Veränderungen in den internationalen Beziehungen fortan nur noch selektiv als direkte Bedrohung für die eigene Sicherheit, politische oder systembedingte Andersartigkeit nicht von vornherein als Herausforderung für eine stabile Weltordnung gewertet wurden.

          Bradley Lynn Coleman/ Kyle Longley (Herausgeber): Reagan and the World. Leadership and National Security, 1981–1989. University Press of Kentucky, Lexington 2017. 324 S., 60,– $.

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