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Bonner Entspannungspolitik : Faszination schützt vor Fehlern nicht . . .

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Hans-Dietrich Genscher am 12. November 2014 in Berlin Bild: dpa

Offenbar ist die Verfasserin von der Person Hans-Dietrich Genscher derart fasziniert, dass sie viele Aspekte der routinemäßigen Amtsführung während der Jahre 1979 bis 1983 als Innovation und Aufbruch in eine neue Zeit interpretiert.

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          Im nordamerikanischen Profisport sind „Unentschieden“ nahezu unmöglich. Es gibt in der Regel einen Sieger und einen Besiegten. Im Gegensatz dazu ist der europäisch geprägte Fußball durchaus auf Punkteteilungen ausgerichtet. Das Remis ist gleichsam die Normalität der europäischen Fußballligen. Ganz ähnlich verhielt es sich auf beiden Seiten des Atlantiks mit den unterschiedlichen Auffassungen zum Kalten Krieg. Während in Washington im Grundsatz stets klar war, dass sich zwei feindliche Ideologien gegenüberstanden - Demokratie mit kapitalistischer Wirtschaftsordnung versus Diktatur mit kommunistischer Kommandowirtschaft -, die eben nicht auf unbestimmte Zeit miteinander koexistieren konnten, sah die Ausgangsposition für die westeuropäischen Mächte vollkommen unterschiedlich aus.

          Nachdem die Außenpolitik der Sowjetunion unter Generalsekretär Leonid Breschnew ab Mitte der 1960er Jahre in ruhigeres Fahrwasser gekommen war, boten sich aus der Sicht von London, Paris und Bonn Chancen, um die Auseinandersetzung in eine andere Qualität zu überführen. Nicht mehr wechselseitige Vernichtungsandrohungen sowie weltanschauliche Propagandaschlachten sollten den Gang des Kalten Krieges bestimmen, sondern Entspannung, Interessenausgleich und wechselseitiger Handel. Kurzum: Westeuropas Mächte zielten darauf, den Kalten Krieg zu entideologisieren.

          Einen historischen Moment - während der kurzen Amtszeit von Präsident Richard Nixon und dessen außenpolitischen Berater Henry Kissinger - lief dieser europäische Verständigungskurs parallel zur strategischen Ausrichtung des Weißen Hauses. Die Entspannungspolitik fand ihren Höhepunkt in der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte am 1. August 1975, die allerdings schon Nixons Amtsnachfolger, Gerald Ford, für die Vereinigten Staaten von Amerika paraphierte. Mit dem Einzug von Jimmy Carter in das Weiße Haus am 20. Januar 1977 veränderte sich die politische Großwetterlage. In den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen kam es zu einem dramatischen Temperatursturz, der seinen vorläufigen Tiefpunkt am 25. Dezember 1979 erreichte, als Einheiten der Roten Armee Kabul besetzten. Auf der Ebene der Supermächte war der sowjetische Einmarsch in Afghanistan der letzte Sargnagel für die Entspannungspolitik.

          Vor diesem Hintergrund musste die Bundesrepublik Deutschland ihre Position im internationalen System bestimmen. Das Duo Schmidt/Genscher versuchte unter Aufbietung großer Kräfte, diese erneute Zuspitzung des Kalten Krieges zu vermeiden oder zumindest von Europa fernzuhalten. Die vorliegende Münchener Dissertation widmet sich der Frage, wie die Entspannungspolitik „unter den Krisenbedingungen der späten siebziger und frühen achtziger Jahre weitergeführt und welche Anpassungsleistungen erbracht werden mussten“. Im Zentrum der Untersuchung steht das „System Genscher“, das von der Autorin ausführlich geschildert wird. Dabei werden die charakteristischen Eigenschaften des langjährigen Außenministers deutlich herausgearbeitet: enorme Arbeitskraft, hohes kommunikatives Können, „virtuose Fähigkeit zum Kompromiss“ sowie eine an Besessenheit grenzende Aufmerksamkeit für die mediale Selbstdarstellung. Hinzu kommt noch „die Privatisierung von Außenpolitik“, die ebenfalls ein Erfolgsgarant Genschers gewesen sei.

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