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Brasiliens Präsident Bolsonaro : Verheißen, verkannt, verführt

Jair Bolsonaro feiert den Unabhängigkeitstag Brasiliens Anfang September Bild: EPA

Klingt absurd, ist aber real: Wie Jair Bolsonaro sein Aufstieg zum Präsidenten Brasiliens gelang.

          3 Min.

          Was macht jemand, der in Brasilien kein Geld und nicht viel gelernt hat? Jair Bolsonaro ging zum Militär, auf Goldsuche – und in die Politik. Dass Letzteres lukrativ sein kann, zeigen die zahlreichen Korruptionsfälle, angesichts derer es einem aus deutscher Sicht den Atem verschlägt. Korruption ist kein spezifisch brasilianisches Phänomen, sie ist ein Übel, das sich durch viele Länder Süd- und Mittelamerikas zieht. Das hat schwerwiegende Folgen. In Lateinamerika herrscht bisweilen die gefährliche Vorstellung, ein Militär sei weniger korrupt als ein Politiker. In Brasilien war es zuletzt Bolsonaro, ein ehemaliger Hauptmann, dem diese Denkweise zugutekam. Ein Mann, der, um es mit dem Wort des Journalisten Andreas Nöthen zu sagen, wie ein „Bulldozer“ agiert.

          Tim Niendorf
          Politikredakteur.

          Nöthen, der mit seiner Familie von 2016 bis 2019 in Brasilien lebte und mittlerweile als Pressesprecher arbeitet, schreibt in seiner Biographie des brasilianischen Präsidenten auf, wie ein einfacher Bürger es an die Spitze des größten Staates Südamerikas schaffte und welchen Nährboden ihm die Politik für diesen unglaublichen Aufstieg bot. Wüsste man nicht, dass die Schilderungen auf realen Ereignissen basieren – man wäre versucht, sie als eine absurde Geschichte abzutun. Und man kommt nicht umhin zu konstatieren: Das „Land der Zukunft“, wie der Schriftsteller Stefan Zweig Brasilien nannte, wählte 2018 ein Stück weit die Vergangenheit. Denn wonach sich Bolsonaro offen sehnt, ist die Militärdiktatur, deren Ende 35 Jahre zurückliegt.

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          Das verfängt auch deshalb, weil Brasiliens Demokratie von Anfang an durch Korruption geschwächt war. Erst im Jahr 2013 verabschiedete das Parlament ein Antikorruptionsgesetz. Bis dahin, erläutert Nöthen, war es zwar strafbar, Schmiergeld anzunehmen; wer hingegen welches anbot, blieb meist unbehelligt. Vor diesem Hintergrund erscheint eine andere Skurrilität gleich weniger verwunderlich: In Brasilien, schreibt der Autor, wechselt etwa jeder dritte Abgeordnete während einer Legislaturperiode die Partei. In „Bulldozer Bolsonaro – Wie ein Populist Brasilien ruiniert“ erfahren wir auch, dass der aktuelle Präsident vor seinem Amtsantritt nicht weniger als acht Parteien angehörte. Momentan sind übrigens 24 Parteien in der Abgeordnetenkammer vertreten, eine Prozenthürde gibt es nicht.

          Allein das zeigt, wie komplex die politische Lage ist. Doch wer verstehen will, wie politische Institutionen das Vertrauen der Bevölkerung verspielen können, sollte dieses Buch lesen. Teilweise mag die Fülle der im Buch erwähnten Namen verwirren. Es ist aber gerade Nöthens Stärke, dass er den Blick nicht einseitig auf Bolsonaro lenkt, sondern immer wieder kleine Exkurse in die brasilianische Geschichte macht und erklärt, wie es dem Rechtspopulisten gelang, von einem verkannten Hinterbänkler zum mächtigsten Mann seines Landes zu werden. Denn sein Aufstieg wurde nicht nur durch die sozialen Netzwerke und den Schulterschluss mit den Evangelikalen begünstigt. Er wurde ihm auch durch die Arbeiterpartei PT ermöglicht, die über den größten Korruptionsskandal Brasiliens, den Lava Jato – und damit über ihr eigenes Antikorruptionsgesetz stürzte.

          Trotz Corona obenauf

          Mehr als 150 frühere Minister, Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure wurden verhaftet. Unter ihnen (zwischenzeitlich) der frühere Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, kurz Lula. Man möge sich einmal vorstellen, was hierzulande los wäre, wenn in Deutschland Ähnliches geschähe. Nöthen vergleicht die Situation mit Italien, wo Silvio Berlusconi in den Neunzigern die Krise etablierter Parteien zum Erfolg führte. In Brasilien war es Jair Messias (der Verheißene) Bolsonaro.

          Aufgewachsen ist er im Bundesstaat São Paulo. Die Familie zog mehrfach um, sein Vater, ein selbsternannter Zahnarzt ohne Ausbildung, war stets auf der Suche nach Arbeit. Allzu viel ist über die Kindheit und Jugend des Präsidenten nicht bekannt, vieles beruht auf Anekdoten, die einer seiner Söhne vor 20 Jahren in einer Biographie aufgeschrieben hat. Doch die verstrickt sich in Widersprüchen, wie Nöthen plausibel darlegt.

          Seine Militärkarriere begann Bolsonaro an der Offiziersschule AMAN. Später versuchte er als Goldsucher im Urlaub sein Gehalt aufzubessern. Das sahen seine Vorgesetzten zwar nicht gerne, zum Hauptmann wurde er dennoch befördert. Bis Mitte der achtziger Jahre galt er als disziplinierter Militär, doch dann wandte er sich an die Presse – und wurde schlagartig bekannt. In einem Nachrichtenmagazin prangerte er die miserablen Gehälter der Soldaten an und musste daraufhin für 15 Tage ins Gefängnis. Als das gleiche Magazin ihn bald darauf mit Bombenplänen in Verbindung brachte, wurde er aus dem Dienst entlassen. Von den Vorwürfen sollte er mangels Beweisen freigesprochen werden.

          Bolsonaro ging in die Politik, wurde Stadtrat in Rio de Janeiro und schon bald darauf für fast drei Jahrzehnte Abgeordneter im Kongress. Vor der Präsidentenwahl 2018 sah der Hinterbänkler dann seine Stunde gekommen, er suchte sich eine neue Partei, die ihn als Spitzenkandidaten aufstellte. Er brauchte zwar mehrere Anläufe, wurde aber schließlich fündig. Er schloss sich der rechten Partido Social Liberal an. Mit Bolsonaro, der zu diesem Zeitpunkt schon gute Umfragewerte genoss, konnte die Partei auf mehr Mandate hoffen. Und die regierende Arbeiterpartei PT? Die hielt zu lange am früheren Präsidenten Lula fest, der allerdings wegen seiner Verurteilung wegen Korruption nicht antreten durfte.

          Mittlerweile hat Bolsonaro seine Söhne im Machtzentrum um sich versammelt. Mehr als anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt beschleunigt sich die Abholzung im Regenwald, das Coronavirus wütet. Für einen Augenblick sanken die Beliebtheitswerte des Präsidenten. Doch wie der Autor Nöthen so schön in Erinnerung ruft: Totgesagte leben länger. Zuletzt stiegen seine Zustimmungswerte wieder an.

          Andreas Nöthen: Bulldozer Bolsonaro. Wie ein Populist Brasilien ruiniert.

          Ch. Links Verlag, Berlin 2020. 240 S., 18,– .

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