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Boko Haram : Feindbild Verwestlichung

Boko Haram-Anführer Abubakar Shekau am 2. Oktober 2014 Bild: AFP

Für Mike Smith ist Boko Haram kein Fortsatz des globalen islamistischen Terrors, sondern ein genuin nigerianisches Produkt. Er bettet den Ursprung von Boko Haram in den historischen und gesellschaftlichen Kontext des Landes.

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          Als der Gründer von Boko Haram an jenem Julitag 2009 verhaftet und mit nacktem Oberkörper vor die Videokamera gezerrt wurde, begann ein Dialog, der mehr einer theologischen Debatte glich denn einem Verhör. Auf die Frage, warum er westliche Bildung ablehne, wo man bei ihm zu Hause doch Produkte dieses Wissens gefunden hatte wie Computer und Mobiltelefon, antwortete Mohammadu Yusuf: „Diese Dinge sind technologische Produkte. Westliche Bildung ist etwas anderes. Westliche Bildung ist Verwestlichung.“ Bis dahin hatte Yusuf eher gewaltfrei versucht, die Bevölkerung gegen den Staat aufzuwiegeln. Doch nun hatten sich seine Anhänger Straßenschlachten mit der Polizei geliefert, in deren Verlauf Hunderte Salafisten getötet wurden.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Wenige Stunden nach dem Verhör wurde auch Yusuf in Polizeigewahrsam ermordet. Sein Tod trieb die verbliebenen Mitglieder in den Untergrund. Nach einem Jahr stiller Reorganisation kehrte Boko Haram unter Führung von Yusufs Stellvertreter Abubakar Shekau zurück - und verheert Nigeria seitdem mit jenem brutalen Terror, dem bislang mehr als 10 000 Menschen zum Opfer gefallen sind und der anderthalb Millionen zu Flüchtlingen gemacht hat. Viele Nigerianer haben Hoffnung und Glauben an den Staat und seine Institutionen verloren, deren Führer korrupt sind und dem Elend der Bevölkerungsmehrheit oft gleichgültig gegenüberstehen. Besonders schlimm ist die Lage im Norden. Yusuf war es, der die Lebensrealität dort unislamisch und „westlich“ nannte. Seine Bewegung, später Boko Haram genannt, richtete sich gegen die muslimische Oberschicht wie gegen Christen. Das Verhör, das nigerianische Sicherheitskräfte mit Yusuf führten, gibt Aufschluss über diese Denkweise. Mike Smith hat Transkripte davon in sein lesenswertes Buch „Boko Haram“ gestellt. Drei Jahre arbeitete er von Lagos aus für die Nachrichtenagentur AFP und besuchte das Kriegsgebiet in Nordnigeria mehrfach.

          Für Smith ist Boko Haram weder ein Fortsatz des globalen islamistischen Terrors, sondern ein genuin nigerianisches Produkt. Er bettet den Ursprung von Boko Haram in den historischen und gesellschaftlichen Kontext des Landes. Dazu gehören die Anfänge des Islams in der Region vor zehn Jahrhunderten und die Dschihadbewegungen, die dort nichts Neues sind. Erwähnenswert ist jene des Usman dan Fodio im 19. Jahrhundert, der die „unislamischen“ und korrupten Emire und Gewaltherrscher in der Region vertrieb - und Yusuf nicht unähnlich argumentierte, wie Smith ausführt.

          Yusuf, der in Saudi-Arabien studiert haben soll, predigte in seiner Moschee in Maiduguri, die Welt sei eine Scheibe: Die geographische Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel sei, sei lediglich ein „Forschungsergebnis“ und nichtig, weil es dem Text des Korans widerspreche. Ähnlich lehnte Yusuf die meteorologische Erklärung für Regen ab. Bei allem Unverständnis, das man Yusuf entgegenbringen kann, bietet Smith einige Erklärungen an, die die Menschen in die Arme des Terrors getrieben haben könnten: die Existenz von Eliten, die sich die Taschen vollstopfen, während die Bevölkerung in krassester Armut verharrt. Oder der Verlust ganzer Heerscharen von Kindern, denen der Staat keine Schulen bietet und die ihre Jugend als halbtags bettelnde Koranschüler in von Saudi-Arabien finanzierten Madrassen verbringen. Smith erwähnt auch korrupte Lokalpolitiker, die sich Boko Haram für den Kampf gegen den politischen Gegner einst „ausgeliehen“ haben.

          Daher fiel es Yusuf leicht, zu behaupten, dass alles Elend ein Ergebnis von „Verwestlichung“ sei, die von den Kolonialherren gebracht wurde und durch Konzepte wie „Demokratie“ fortgeführt werde, die in Nigeria nur dem Namen nach existierte. Die britischen Kolonialherren ließen im Norden die traditionellen Herrscher an der Macht und feudale Strukturen in Kraft. Das galt auch für die Emire, die auf die Verteilung von Posten und Staatsgeldern Einfluss hatten. Es entstand ein Geben und Nehmen, dessen korrupte Strukturen sich nach der Unabhängigkeit höchstens in Bezug auf die Hautfarben der Schlüsselfiguren änderten. Die religiösen Autoritäten in der Region repräsentieren den sufischen Islam bis heute. Diese eher gemäßigte Form der Religionsausübung brachte sie in Konfrontationskurs mit der wahhabitisch-salafistischen Denkschule, die seit den siebziger Jahren durch den wachsenden Einfluss aus Saudi-Arabien auch in Nigeria immer stärker wurde.

          So soll Muhammad Yusuf zunächst der 1978 mit Geld aus Saudi-Arabien gegründeten wahhabitischen Salafistenvereinigung Izala angehört haben. In Maiduguri übernahm er die Führung einer Izala-Jugendorganisation, von der sich Yusuf mitsamt seiner Anhänger abspaltete, um eine eigene Sekte zu begründen. Daraus wurde Boko Haram. Den Einfluss wahhabitischer Verbände aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten auf die Gesellschaften auf die völlig verarmten Gebiete in der Sahelzone erwähnt Smith in wenigen Absätzen. Diese gefährliche Einflussnahme aber hätte eine tiefergehende Betrachtung verdient.

          Mike Smith: Boko Haram. Der Vormarsch des Terrorkalifats. C. H. Beck Verlag, München 2015. 272 S., 14,95 €.

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