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Bösartige Gerüchte : General mit Zivilcourage

Günter Kießling bei Bundespräsident Karl Carstens Bild: Imago

Homosexualität als Makel? Für die Bundeswehr der 1980er Jahre noch ein Problem. Noch dazu war der „Vorwurf“ falsch.

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          Mitte der achtziger Jahre wurde General Günter Kießling Opfer einer Bundeswehr-Affäre. Unter Beteiligung höchster Nato-Stellen, zahlreicher Spitzenbeamter auf der Bonner Hardthöhe, des Militärischen Abschirmdienstes und sogar der Kölner Kripo und des Ministers selbst geriet der vollkommen unbescholtene Offizier in ein Kesseltreiben. Der Vorwurf: Er sei homosexuell und verkehre in der Schwulen-Szene, sei somit ein Sicherheitsrisiko. Homosexualität war damals unter Erwachsenen nicht mehr verboten, im geistigen Kosmos des Militärs aber eine abartige Veranlagung, zumindest eine eklatante Schwäche. Es war eine Skandalgeschichte aus wüsten Verdächtigungen und falschem Zeugnis. Am Ende war Kießlings Reputation zerstört, der damalige Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) schwer beschädigt und manche von Kießlings Generalskameraden als Opportunisten blamiert.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Wie es dazu kommen konnte, hat der Offizier und Historiker Heiner Möllers minutiös nachgezeichnet. Möllers, der als Oberstleutnant am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam arbeitet, verbindet dabei spannende Schilderungen der Abläufe im Januar 1984 mit einem abgewogenen, klaren Urteil.

          Die Affäre begann mit Gerüchten. Günter Kießling war nach einer beachtlichen Karriere in der Bundeswehr in den höchsten militärischen Rang eines Vier-Sterne-Generals aufgestiegen. Es war die Krönung einer militärischen Laufbahn, die für Kießling als Leutnant an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang genommen hatte. Nach dem Krieg hatte er sein Abitur nachgeholt, beim Bundesgrenzschutz gearbeitet, Wirtschaft, Jura und Philosophie studiert und promoviert. In der Bundeswehr stieg er zügig auf, Bataillonskommandeur, Brigadegeneral mit 45 Jahren, später stellvertretender Befehlshaber der Alliierten Landstreitkräfte in Schleswig-Holstein.

          Dort stieß Kießling wohl auf den britischen Kollegen, der nach Möllers Darstellung Urheber des Skandals war. Nachdem bekanntwurde, dass Kießling als stellvertretender Oberbefehlshaber der Nato nach Belgien wechseln sollte, behauptete Sir Anthony Farrar-Hockley gegenüber dem amerikanischen Oberbefehlshaber Bernard Rogers in zwei denunziatorischen Briefen, dass Kießling allgemein als homosexuell gelte. Ein General als Junggeselle, der mit dem Fahrrad zum Dienst kam, das mochte noch angehen. „Aber ein schwuler General in seinem Hauptquartier, dazu noch als sein persönlicher Stellvertreter, das war für ihn einfach unerträglich“, schreibt Möllers über den eitlen Rogers, der sich aufführte, wie ein amerikanischer Vizekönig. Rogers, „aufgebracht und zornesrot“, forderte den deutschen Büroleiter seines künftigen Stellvertreters auf, in Bonn dafür zu sorgen, dass Kießling verhindert werde.

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