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Bundesnachrichtendienst : Blicke in den Abgrund

Schriftzug „Bundesnachrichtendienst“ im Eingangsbereich der neuen Zentrale des BND. Bild: dpa

Bodo Hechelhammer über den Fall Felfe, der den Bundesnachrichtendienst erschütterte.

          3 Min.

          Geheimdienste haben ein Problem. Wenn sie überhaupt eine „Presse“ haben, dann meist eine schlechte. Bekannt werden eben in der Regel meist Skandale und/oder Pannen. Das mag zum niedrigen Ansehen in der Öffentlichkeit beitragen. Dieses Buch passt in einer Hinsicht perfekt in dieses Szenario, berichtet es doch über den größten anzunehmenden Unfall, der einem Dienst passieren kann. Der Leiter der Abteilung Gegenspionage im Bundesnachrichtendienst, Heinz Felfe, wusste von Amts wegen alles über Operationen im Ostblock. Dumm nur, dass er zugleich für den sowjetischen Dienst arbeitete. Er verriet also alles und jeden an seine sowjetischen Auftraggeber.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Angesichts einer solchen Katastrophe könnte man verstehen, wenn auch der „neue“ BND den Fall Felfe nur mit ganz spitzen Fingern anfasste. Aber ausgerechnet der Haushistoriker des Dienstes hat sich des Themas angenommen. Herausgekommen ist – angesichts dieser Konstellation eigentlich wider Erwarten – keine Schönfärberei, sondern eine ziemlich schonungslose Auflistung von menschlichen und am Rande auch organisatorischen Abgründen innerhalb des Dienstes.

          Der Fall Felfe hat, wie vieles im frühen BND, eine „braune“ Vorgeschichte. Der gebürtige Dresdner war während des Krieges Mitglied im „Sicherheitsdienst“ der SS. Das verschleierte er nach 1945 mit zunehmendem Erfolg, wobei er, wenn er völlig offen gewesen wäre, unter seinen Kollegen so manchen mit der gleichen Lebensgeschichte getroffen hätte.

          Diese Erkenntnis ist nicht neu. Inwieweit Hechelhammer die komplette Überlieferung zum Thema hat auswerten können, lässt sich von außen nicht beurteilen. Das Bild, das er zeichnet, ist jedenfalls klar konturiert. Es ist sogar so klar, dass der Leser von der ersten Seite an weiß, was er über den Protagonisten zu denken hat. Dabei kommentierte sich dessen Lebensgeschichte eigentlich von selbst.

          Das Jahr 1945 war für Felfe sowohl materiell als auch für den überzeugten Nationalsozialisten emotional ein tiefer Einschnitt. Er blieb sicherheitshalber in der britischen Besatzungszone und holte seine Familie aus Dresden in den Westen. Beruflich blieb er „in der Branche“. Für den britischen Geheimdienst bespitzelte er die Kommunistische Partei. Eigentlich strebte er aber den Status als ordentlicher Beamter an. Obwohl er seinen Lebenslauf „entpolitisierte“, führten seine Bewerbungen zu nichts. Das nachlassende Interesse seiner Auftraggeber gefährdete Felfes Lebensgrundlage. Also versuchte er, seine Erkenntnisse anderen zu verkaufen. Parallel dazu bemühte er sich beharrlich um eine „richtige“ berufliche Karriere – immer mit „gereinigtem“ Lebenslauf.

          Zu einer Schlüsselfigur der Geschichte des Heinz Felfe wurde Hans Clemens, wie Felfe früher beim SD. Dessen Frau lebte weiter in Dresden. Clemens ließ sich vom sowjetischen Geheimdienst anwerben. Über ihn kam Felfe auch an den sowjetischen Dienst, der sich sehr für die „Organisation Gehlen“, den Vorläufer des BND, interessierte. Als Felfe in die Organisation Gehlen eintrat, war er Moskau schon verpflichtet.

          Die Geschichte seiner Enttarnung zog sich über Jahre hin. Den Ausschlag gab ein polnischer Überläufer, der den Amerikanern verriet, in einer BND-Reisegruppe, die 1956 auf CIA-Kosten die Vereinigten Staaten bereiste, sei ein „Maulwurf“ gewesen. Da Felfe zwar ein skrupelloser, aber eben auch ein fähiger Spion war, gestaltete sich die Beweisführung schwierig. Hinzu kam, dass der frühe BND alles andere als eine effizient arbeitende, moderne Behörde war. Erst 1961 konnte Felfe enttarnt werden.

          Acht Jahre später wurde er gegen 21 westliche Agenten ausgetauscht und lebte von nun an in der DDR. Dieser Teil des Buches liest sich fast amüsant. Der sowjetische Geheimdienst und die DDR-Staatssicherheit hatten ihre liebe Mühe mit ihrem „Kundschafter“. Der war nicht nur sehr selbstbewusst, sondern hatte vor allem hohe materielle Ansprüche. Alles musste Westniveau haben. Er wurde denn auch mit Ehren und Luxus überhäuft und ruhiggestellt. Seinen propagandistischen Auftrag erfüllte er einerseits als Professor an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, andererseits durch die Veröffentlichung seiner Memoiren.

          Nach dem Ende der DDR erlebte der alternde Spion noch einmal eine kurze Konjunktur, weil Spionagegeschichten immer und überall ihr Publikum finden. Für diese Spionagegeschichte hat Bruno Hechelhammer mehr – auch zuvor verschlossenes – Material ausgewertet als die Autoren vor ihm. Eine strukturelle Einordnung des Falles in die Geschichte des frühen BND ist dieses Buch aber nicht.

          Bodo Hechelhammer: „Spion ohne Grenzen“. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten.

          Piper Verlag, München 2019. 416 S., geb., 24.- .

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