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Bismarcks Werke : Der eiserne Jammerer

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Bild: dpa

Kolonien, Reichsfeinde und der liebenswürdige Herr Papst - Eindrücke aus Otto von Bismarcks gesammelten Werken aus den Jahren 1884/85.

          3 Min.

          Die „Neue Friedrichsruher Ausgabe“ der „Gesammelten Werke Bismarcks“ begann 2004 mit seinen „Schriften“, für die acht Bände vorgesehen sind. Der jüngst erschienene Band für die Jahre 1884 und 1885 enthält 563 Dokumente. Von ihnen sind knapp 60 Prozent erstmals publiziert, ein Dokument ist allerdings bereits sechsmal veröffentlicht worden. Der inzwischen 70 Jahre alte und um seine Gesundheit besorgte Staatsmann regierte das Reich und Preußen weiterhin monatelang von Varzin und von Friedrichsruh aus. Er beklagte unentwegt seine Überlastung, gab jedoch kein Stück seiner politischen Allzuständigkeit preis.

          Zu den wichtigsten neuen Dokumenten zählen die zahlreichen Immediat-Berichte Bismarcks an Wilhelm I. - die pfleglich behandelte Stütze seiner Machtposition. Der Regierungschef blieb darauf bedacht, den Kaiser und König von Preußen von „weiblichen Einflüssen“ ebenso freizuhalten wie von denen seines höfischen und militärischen Umfelds. Dem Monarchen, dessen Unterschrift er benötigte, vereinfachte Bismarck komplizierte internationale Zusammenhänge nach dem Muster „Politik für Anfänger“ derart, dass der zwölf Jahre ältere Monarch nur „genehmigt“ hinzuzufügen brauchte.

          Gleichzeitig suchte Bismarck auch Kronprinz Friedrich Wilhelm auf seinen Kurs festzulegen. Neue Aktenfunde verdeutlichen Bismarcks Einsatz zum Gewinn und zur Sicherung von Kolonialbesitz in Afrika wie auf noch ferneren Südseeinseln. Die dadurch entstehenden Konflikte mit London dämmte der Kanzler durch kontrolliertes Zusammengehen mit Frankreich ein. Er interessierte sich sogar für Details der Verträge mit afrikanischen Stammeshäuptlingen, achtete jedoch darauf, die Machtbalance in Europa vom „Colonial-Chauvinismus“ nicht gefährden zu lassen. Gegenüber republikanischen und demokratischen, erst recht „anarchischen Bestrebungen“ im Ausland setzte Bismarck auf die Allianz der europäischen Monarchen auf der Grundlage des erneuerten Drei-Kaiser-Vertrags von 1881.

          Das Arbeitszimmer des Reichskanzlers in Friedrichsruh. Rekonstruktion mit Originalgegenständen im heutigen Bismarck-Museum.
          Das Arbeitszimmer des Reichskanzlers in Friedrichsruh. Rekonstruktion mit Originalgegenständen im heutigen Bismarck-Museum. : Bild: Aus dem besprochenen Band

          Um sein Ziel, das europäische Gleichgewicht durch „Wahrung des Friedens“ zu erhalten, suchte er die Rivalität zwischen dem militärisch schwachen Österreich und Russland durch eine „Demarcationslinie im Orient“ zu entschärfen. Denn Kaiser Franz Joseph lege auf den „Erhalt des Friedens mit Russland“ weniger Wert „als wir“. Italien hielt der Kanzler im Kriegsfall für einen „unsicheren Faktor“.

          Um das Vordringen des ihm verhassten parlamentarischen Systems zumindest zu verlangsamen, verschanzte sich der Reichskanzler hinter den „verbündeten Regierungen“, die er über den Bundesrat kontrollierte. Dennoch rutschte ihm einige Male der Ausdruck „Reichsregierung“ in die Feder, deren Einführung er 1871 hatte verhindern können. Mit erstaunlichem Aufwand suchte er Beileidsbekundung des Repräsentantenhauses für den während eines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten verstorbenen linksliberalen Abgeordneten Eugen Richter zu neutralisieren. Nach dem Ausscheiden dieses „äußerst unbequemen Oppositionsmitglieds“ störte ihn am ehesten der nicht minder unbequeme Zentrumsführer Ludwig Windthorst, den er weiter als „Reichsfeind“ ausgrenzte.

          Ein Sorgenkind des Kanzlers blieb der Botschafter in London und dann in Paris, Georg Graf von Münster, wegen seiner „Abneigung gegen regelmäßiges Arbeiten und Aktenstudium“. Da Bismarck die Bauwut Ludwigs II. weiterhin aus Mitteln des Welfenfonds förderte, stellte er das bayerische Königtum „gewissermaßen in den Sold des Preußischen Staates“. An der Einigung Deutschlands sah sein Schöpfer den oppositionellen Liberalismus keineswegs beteiligt, sondern vielmehr vornehmlich das „Arrangement von Turner-, Schützen- und Sängerfesten“ mit „feuchtfröhlichen Gesängen“.

          Von einer „Anforderung“ an Volksschulen, die über das Lesen-, Schreiben- und Rechnen-Können hinausging, befürchtete Bismarck nachteilige Folgen für die Aufnahme „gewöhnlicher Arbeit“. So lehnte er auch den Unterricht für Ausländerkinder ab. Die Aufregung wegen einer Cholera-Epidemie hielt er für Medien-Mache im Sommerloch. Anregungen des Kultusministers, Kulturkampfgesetze zu mildern, widersprach Bismarck. Er hielt die bedrängte Lage der katholischen Kirche für den Staat erträglicher als für die Kurie und erwartete deren Einlenken. Nachdem Papst Leo XIII. im Karolinenstreit vermittelt hatte, erwartete der Kanzler die höchste päpstliche Ordensstufe und ein Schreiben des „liebenswürdigen Herrn selbst“.

          Den Entwurf einer Jagdordnung des Landwirtschaftsministers kritisierte der Großjagdbesitzer Bismarck wegen „unerfüllbarer“ Kosten. Die Landwirtschaft blieb für ihn der Grundpfeiler der Nation. In der Tätigkeit bäuerlicher Vereine sah er ein Gegenmittel gegen die ungeliebten „unproductiven Parteien“. Seinen Widerspruch gegen ein Schweine-Einfuhrverbot des Landwirtschaftsministers ließ Bismarck fallen, da er die Übereinstimmung mit dem „Kollegen“ für wichtiger hielt. Nach wie vor dosierte er sorgfältig seine Vorschläge für Titel und Auszeichnungen, die der König von Preußen verlieh. Er kritisierte kostensteigernde „Überstunden“ im Justizwesen durch die „Willkür“ von Angeklagten, zu viele Zeugen laden zu lassen.

          Die 39 Seiten umfassende Einleitung des Bearbeiters und Geschäftsführers der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Ulrich Lappenküper, ist ein hilfreicher Wegweiser. Das umfangreiche, wenngleich wenig übersichtliche Dokumentenverzeichnis enthält knappe Inhaltsangaben. Allerdings verdickt deren Wiederholung vor jedem Schreiben den Band um 82 Seiten. Das Personenregister ist gegenüber dem in früheren Bänden erheblich verbessert worden. Das in dieser Reihe fehlende Sachregister sollte nach deren Abschluss nachgeliefert werden.

          Otto von Bismarck. Gesammelte Werke. Neue Friedrichsruher Ausgabe. Abteilung III: 1871-1898. Band 6: 1884-1885. Bearbeitet von Ulrich Lappenküper. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2011. 929 Seiten, 78 Euro.

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