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Signal : Erst nach 1945 globaler und weiblicher

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Bild: dpa

Der Friedensnobelpreis ist der politische Nobelpreis. Die Vergabepraxis erscheint nicht immer logisch.

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          Der 1901 zum ersten Mal verliehene Friedensnobelpreis ist die politische unter den von Alfred Nobel in seinem Testament von 1895 gestifteten Auszeichnungen. Während die Preise für Medizin, Physik oder Literatur vor allem Geleistetes würdigen, ist der Friedenspreis programmatischer. Seine Verleihung soll nicht zuletzt ein Zeichen für die Zukunft setzen. Das vom norwegischen Parlament gewählte Komitee, das den Preis alljährlich vergibt, hat diesen besonderen Charakter der Auszeichnung denn auch regelmäßig genutzt, um politische Botschaften auszusenden. Das galt 1936 bei der Vergabe an Carl von Ossietzky genauso wie 1961, als Albert John Luthuli, der Präsident des südafrikanischen African National Congress, ausgezeichnet wurde, oder bei der Verleihung an den chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo 2010. Liu war aufgrund seiner Inhaftierung der letzte von bislang insgesamt sechs Ausgezeichneten, die von ihren Heimatstaaten entweder daran gehindert wurden oder – wie Lech Walesa 1983 – es wegen drohender Repressalien nicht wagten, zur Verleihung zu kommen.

          Auch angesichts solcher Beispiele wird man dem Nobelpreiskomitee kaum vorwerfen können, Konflikten aus dem Weg gegangen zu sein. Im Gegenteil, bei Betrachtung der insgesamt 104 Einzelpreisträger und Preisträgerinnen sowie der 24 ausgezeichneten Organisationen gewinnt man eher den Eindruck, dass sich das Gremium selten gescheut hat, die Hauptkonflikte mit seiner Vergabepraxis in den Blick zu nehmen. Was sich im Laufe der Zeit allerdings änderte, sind die Leistungen, die das Komitee für preiswürdig erachtete. Insofern ist den Herausgeberinnen vom Demokratiezentrum Wien bzw. dem Institut für Geschichte der Universität Wien zuzustimmen, dass sich an der Vergabe des Preises Wandlungen von Friedenskonzepten sowie Friedensideen der vergangenen gut 100 Jahre ablesen lassen.

          Dabei lag die Hoffnung auf Frieden zunächst vor allem bei der internationalen Friedensbewegung selbst. Denn abgesehen vom amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt, der 1906 den Preis für seine Vermittlung im Japanisch-Russischen Krieg erhielt, finden sich fast ausschließlich deren Vertreter unter den bis zum Ersten Weltkrieg Ausgezeichneten. Mehr noch, aus den im Abstand von 50 Jahren veröffentlichten Vorschlagslisten ergibt sich, dass sich in den ersten Jahren vor allem die Vertreter und Vertreterinnen der Friedensbewegung gegenseitig nominierten. Bertha von Suttner etwa wurde 1905, als sie den Preis erhielt, von insgesamt 31 Einzelpersonen vorgeschlagen. Darunter fanden sich viele, mit denen sie seit Jahren in der Friedensbewegung zusammenarbeitete. Sie selbst wiederum schlug unter anderem ihren langjährigen politischen Weggefährten und Mitbegründer der deutschen Friedensgesellschaft Alfred Hermann Fried vor. Mit Erfolg, Fried erhielt 1911 im Jahr der Nominierung durch Suttner den Preis.

          Das Faszinierende für viele Friedensbewegte lag in der Zwischenkriegszeit zunächst darin, dass sich nun zum ersten Mal eine breite Übereinstimmung zwischen den eigenen Zielen und denen der offiziellen Politik zu ergeben schien. Entsprechend häuften sich nun die Auszeichnungen an aktuelle Politiker. Der britische Außenminister Austen Chamberlain bekam den Preis ebenso noch im Amt wie seine Kollegen aus Deutschland und Frankreich, Gustav Stresemann und Aristide Briand. Für einen kurzen Moment schien die neue Diplomatie der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg auf einem guten Weg.

          Die Hoffnung bestand bekanntlich nur kurz. Nach dem Zweiten Weltkrieg weitete sich das Spektrum von Preisträgern wie gewürdigten Leistungen einmal mehr. Der Nobelpreis wurde nach und nach (etwas) weiblicher, globaler sowie insgesamt in geringerem Maße auf zwischenstaatliche Konflikte konzentriert. Frieden, so lässt sich aus der Vergabepraxis folgern, beginnt zu Hause bei der Entwicklung der eigenen Zivilgesellschaft, bei der Beachtung von Menschen- und Bürgerrechten und zunehmend auch in der Bewahrung der Umwelt.

          Die Friedens- und Konfliktforschung hält dafür das Konzept eines erweiterten Friedensbegriffs bereit, der einen engen Begriff, der Frieden allein als Abwesenheit von zwischenstaatlichem Krieg begreift, abgelöst habe. Auch die Herausgeberinnen machen die bereits als Arbeitshypothese formulierte Entwicklung von einem negativen und engen Friedensbegriff zu einem positiven und weiten Konzept vom Frieden zum Hauptergebnis der Studie. Spätestens hier wird der Leser aber doch etwas nachdenklich, und es beschleicht ihn das Gefühl, dass aus fast 120 Jahren Geschichte des Friedensnobelpreises mehr herauszulesen gewesen wäre als dieser holzschnittartige Befund. Dafür wäre aber auch wissenschaftlich größere Mühe notwendig gewesen, als es gerade in manchen der offenbar recht schnell zusammengeschriebenen Fallstudien der Fall gewesen zu sein scheint. 1922, um nur ein Beispiel zu nennen, bekam Fridtjof Nansen für seine Arbeit als Hochkommissar des Völkerbundes für Flüchtlingsfragen den Friedensnobelpreis. Sein Fall wird in dem Band kaum erwähnt. Doch wie interessant wäre gerade sein Beispiel für uns heute gewesen. Wie gerne hätte man erfahren, welches Konzept vom Frieden seiner Tätigkeit zugrunde lag.

          Birgitta Bader-Zaar, Gertraud Diendorfer, Susanne Reitmair-Juárez (Hg.): Friedenskonzepte im Wandel. Analyse der Vergabe des Friedensnobelpreises von 1901 bis 2016. Studien Verlag, Innsbruck 2018. 291 S., 29,90 .

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