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Bernhard Gotto/ Horst Möller/ Jean Mondot/ Nicole Pelletier (Hrsg.): Nach „Achtundsechzig“ : Turbulente Krisen

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Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt während eines Fernsehgesprächs via Satellit am 22. Januar 1975 Bild: picture-alliance / dpa

Die 1970er Jahre waren eine Glanzzeit der Volksparteien. Union und SPD banden Mitglieder und Wähler in einem Maße an sich, von dem sie heute nur träumen können.

          Ganz verschiedenartige Phänomene wurden in den 1970er Jahren mit dem Beiwort „Krise“ bedacht: vom Nahen Osten und dem Öl über Währung und Weltwirtschaft bis hin zur Inneren Sicherheit und der Legitimation des politischen Systems. Heutige Historiker sind oft zurückhaltend, derartige Zuschreibungen als Analysebegriffe zu übernehmen. Sie sprechen lieber von Krisenbewusstsein und untersuchen, was die Zeitgenossen als unheilschwanger empfanden und wie sie damit umgingen. Das gilt auch für den vorzustellenden Aufsatzband über die Bundesrepublik und Frankreich. Udo Wengst widerspricht der damals verbreiteten Vorstellung, die Bundesrepublik sei von der Vielfalt der Herausforderungen, vor denen sie stehe, überfordert und drohe, unregierbar zu werden. Er charakterisiert die 1970er Jahre als Glanzzeit der Volksparteien. Union und SPD banden Mitglieder und Wähler in einem Maße an sich, von dem sie heute nur träumen können. Die Politisierung breiter Schichten durch inhaltlichen Streit über kontroverse Themen von der Neuen Ostpolitik bis zur Fristenregelung bei der Abtreibung festigte sogar das politische System.

          Für Frankreich zeigt Markus Lammert, dass die Verschärfung der Sicherheitspolitik, mit der die Regierung auf die Unruhen des Mai 1968 reagierte, nicht die von Kritikern befürchtete „Faschisierung“ zur Folge hatte. Vielmehr konstatiert er eine Bestätigung des französischen Rechtsstaats in der Krise. Zwar habe sich die französische Linke nach 1968 zunächst am Rande des Terrorismus bewegt. Anders als rechts des Rheins sei der Schritt zum systematischen Kampf im Untergrund und zum politischen Mord aber ausgeblieben. Während in der deutschen Auseinandersetzung der Akzent auf der inneren Sicherheit lag, seien in den französischen Debatten bürgerliche Freiheitsrechte gegen eine als überschießend wahrgenommene „law and order“-Politik eingefordert worden. Diesem Freiheitsdiskurs, so Lammerts Pointe, hätten auch linke Intellektuelle wie André Glucksmann oder Bernard Henri Lévy sich nicht dauerhaft entziehen können und gegen Ende der 1970er Jahre den Antitotalitarismus für sich entdeckt.

          In diesem wie in den meisten anderen Beiträgen wird der deutsch-französische Vergleich nur angedeutet. Dabei zeigt Bernhard Gotto, wie erhellend eine komparatistische Perspektive sein kann. Seine Untersuchung über enttäuschte Demokratisierungshoffnungen setzt nicht bei einem der üblichen Politikerpärchen an, die von Adenauer und de Gaulle über Kohl und Mitterrand bis Schröder und Chirac die Darstellung der Nachkriegsgeschichte bestimmt haben. Gotto vergleicht stattdessen die zeitversetzten, aber mit gleichermaßen großen Erwartungen beladenen Reformprojekte Willy Brandts und Valéry Giscard d’Estaings. Er zeigt Differenzen auf, die den unterschiedlichen Regierungssystemen und verschiedenartigen Temperamenten des Spitzenpersonals geschuldet sind. Genauso auffällig sind jedoch die Parallelen, die von der gesellschaftspolitischen Stoßrichtung über die mediale Inszenierung bis zur rasch eintretenden Frustration reichten.

          Die mehrheitlich auf Innenpolitik, Gesellschaft und Kultur gerichteten Beiträge werden durch drei Untersuchungen zur internationalen Entwicklung abgerundet. Hier tritt die Ambivalenz des deutsch-französischen Verhältnisses besonders deutlich zutage. Einerseits - das zeigt Georges-Henri Soutous brillante Analyse der diplomatischen Dreiecksbeziehung zwischen Washington, Paris und Bonn - näherten sich Deutsche und Franzosen einander nach einem Jahrzehnt der „Abkühlung“ wieder an, nicht zuletzt, weil beide Seiten der Politik der Vereinigten Staaten unter Jimmy Carter skeptisch gegenüberstanden. Andererseits blieb die Sorge vor der wachsenden Macht der Bundesrepublik prägend für die französische Außenpolitik. Veronika Heyde beschreibt in ihrem Beitrag über Frankreichs „Balanceakt“ in der KSZE-Politik, wie Paris gemeinsam mit Bonn und Washington Vorstöße der Sowjetunion gen Westen abzublocken trachtete, während man sich zugleich durch Beziehungen zu Moskau und zu den Vereinigten Staaten gegen die Bundesrepublik absicherte. Als der französische Präsident in einem Gespräch mit dem sowjetischen Verteidigungsminister „gemeinsame Interessen“ beschwor, hatte er für beide Staaten potentiell bedrohliche „Entwicklungen in einem stets von der germanischen Philosophie bedrohten Europa“ im Sinn.

          Vor dem Hintergrund der europäischen Schuldenkrise erscheint diese Sorge heute unbehaglich aktuell. Deswegen ist es zu bedauern, dass die schwierigen Anfänge einer gemeinsamen europäischen Währung zwar verschiedentlich angerissen, aber nicht in einem eigenen Beitrag vertieft werden. Währungsturbulenzen, das wissen wir inzwischen, gehörten zu den besonders folgenreichen Krisenphänomenen der 1970er Jahre.

          Bernhard Gotto/Horst Möller/Jean Mondot/Nicole Pelletier (Hrsg.): Nach „Achtundsechzig“. Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1970er Jahren. Oldenbourg Verlag, München 2013. 193 S., 29,80 €.

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