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Bernhard Bachinger/ Wolfram Dornik (Hrsg.): Jenseits des Schützengrabens : In finstersten Hintergässchen

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Die undatierte Aufnahme zeigt eine Auswahl von Fotografien über den Ersten Weltkrieg aus dem Bestand des Stadtarchivs Eisenach. Bild: dpa

Allen von der Propaganda aufgebauschten Gegensätzen in den Jahren 1914 bis 1918 zum Trotz teilten an der Ostfront die Soldaten der verschiedenen Nationen existentielle Grunderfahrungen: Verwundung und Krankheit, Gefangenschaft und Tod.

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          Der Dichter Georg Trakl, der Ende August 1914 mit 27 Jahren für Österreich-Ungarn in den Krieg gezogen war, schrieb Anfang September an seine „liebe Mama“: „Es geht mir gut. Seit einer Woche reisen wir kreuz und quer in Galizien herum und haben bis jetzt noch nichts zu tun gehabt.“ Während das k.u.k. Armeeoberkommando mit solchen von der Zensur kontrollierten Feldpostkarten in der Heimat an der Siegeszuversicht keinen Zweifel aufkommen lassen wollte, stellte sich die Situation an der Front anders dar. So sah sich der Medikamentenakzessist Trakl während der Kämpfe um Lemberg vor eine unlösbare Aufgabe gestellt: In der Kleinstadt Grodek musste er in einer zum Lazarett umfunktionierten Scheune neunzig Schwerverwundete allein versorgen. Angesichts des Elends hat er seinen Empfindungen in dem bekannten Gedicht „Grodek“ Ausdruck verliehen.

          Optimistischer als der von Depressionen geplagte Lyriker, der seinem Leben bald darauf mit einer Überdosis Kokain ein Ende setzte, beurteilte das Gros der Untertanen von Kaiser Franz Joseph I. die Lage - trotz der Besetzung weiter Teile Galiziens durch Soldaten des Zaren. Dieser Fehleinschätzung lag die Annahme zugrunde, dass die Entscheidung über den Sieg auf dem westlichen Kriegsschauplatz fallen werde. Nur diese Fixierung erklärt, weshalb der Krieg im Osten für die Zeitgenossen ein weitgehend unbekannter Krieg blieb. Daran änderte sich auch nach 1918 wenig, da sich die meisten Literaten, Publizisten und Historiker gleichfalls mit dem Geschehen im Westen auseinandersetzten. Treffend hat daher der Potsdamer Militärhistoriker Gerhard P. Groß 2006 von der „vergessenen Front im Osten“ gesprochen.

          Nachdem inzwischen mehrere Darstellungen zur deutschen Kriegführung und Besatzungsherrschaft im Osten vorliegen, wendet sich der von Bernhard Bachinger und Wolfram Dornik herausgegebene Band dem vom Habsburgerreich kontrollierten südlichen Abschnitt der Ostfront zu. Dieser erstreckte sich von den Kämmen der galizischen Karpaten bis zum Schwarzen Meer und wies infolge des Bewegungskrieges streckenweise eine Tiefe von 500 Kilometern auf. Den Ansatz der „Militärgeschichte von unten“ methodisch erweiternd, geht es den 23 Autorinnen und Autoren aus sieben Ländern um die Erfahrungen der Kombattanten sowie die der Zivilisten im Kriegsgebiet.

          Anhand neu erschlossener Tagebücher, Briefe und Lebenserinnerungen werden - gleichsam als „Herzstück“ des Bandes - zunächst die Eindrücke und Emotionen der Soldaten und Offiziere untersucht; einerseits getrennt nach den Nationalitäten innerhalb der k.u.k. Armee, andererseits im Vergleich zu den Erfahrungen von k.u.k. Angehörigen, die an anderen Fronten kämpften. Hierbei wird den Schlachten am Isonzo besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wie Lutz Musner zeigt, galt der Kampf gegen den italienischen „Irredentismus“ allgemein als „Österreichs eigentlicher Krieg“. Abgerundet wird das so entstehende Bild vom Alltag durch zwei informative Aufsätze von Evgenij J. Sergeev und Elena S. Senjavskaja über die Lebensbedingungen beim russischen Gegner. Der Vergleich verdeutlicht, dass der Krieg im Osten wie der im Westen ein Kulturkrieg war.

          Allen von der Propaganda aufgebauschten Gegensätzen zum Trotz teilten an der Ostfront die Soldaten der verschiedenen Nationen existentielle Grunderfahrungen: Verwundung und Krankheit, Gefangenschaft und Tod. Wie eng dabei das Schicksal von Vorgesetzten und Untergebenen miteinander verwoben war, zeigt der Angriffsbefehl eines Zugführers: „Gemma halt! Alle wer ma ja net hin sein!“ Selbst in Ruhezeiten blieb die Trennung von Offizieren und Mannschaften nicht immer gewahrt. So berichtet ein ungarischer Offizier über die Läusebekämpfung: „Ein Barbier hat uns mit einer Schafschere die Haare sowie die Bart- und die Schamhaare geschoren, und zwar die von allen mit der gleichen Schere, ohne letztere zu desinfizieren.“ Zu den Besonderheiten des Ostkrieges zählte der von Österreich-Ungarn brutal geführte Kampf gegen den „inneren Feind“, besonders gegen die als „russophil“ geltende Bevölkerung in Ruthenien. Diese wurde der Spionage bezichtigt und für das militärische Desaster nach Kriegsbeginn verantwortlich gemacht. Dokumente belegen Erschießungen sowie die Internierung von Angehörigen der traditionellen Elite.

          Abgerundet wird das anregende Werk durch den Blick auf die Lebensumstände der Zivilbevölkerung. Im Mittelpunkt steht Galizien. Dort kam es zu „unbeschreiblichen Verwüstungen“ und einer Flüchtlingskatastrophe. Zahlreiche Fotos zeugen davon. Hannes Leidinger gibt einen Überblick über den entsprechenden Bestand im Wiener Kriegsarchiv. Schlussendlich geht Petra Ernst der Frage nach, welche Spuren die Vorgänge in dem einstigen Kronland in der deutschsprachigen jüdischen Literatur und Publizistik hinterlassen haben. Ihr Fazit ist ernüchternd: Die meisten Erlebnisberichte und Novellen sind inzwischen „völlig vergessen“.

          Eine Ausnahme bildet die 1974 veröffentlichte Autobiographie von Manès Sperber „Die Wasserträger Gottes“. Die Schilderungen des Schriftstellers vom Jahrgang 1905 lassen trotz des zeitlichen Abstandes ahnen, welchen Bedrohungen die unter der russischen Besatzung lebenden Menschen ausgesetzt waren. Vielen blieb nur die Hoffnung auf den Allmächtigen: „Wenn der Messias jetzt nicht kommt, wann denn soll er kommen?“ Zwar endeten mit der Rückeroberung die Vergewaltigungen und Plünderungen, doch blieben Not und Elend. Anschaulich schildert Sperber, dass den Befreiern, die sich nur mit einem „merkwürdigen Militärdeutsch“ verständigen konnten, ihr Sold half, sich zu verschaffen, was sie begehrten: „In den finstersten Hintergässchen trafen sie jüdische und christliche Mädchen, auch junge Kriegerswitwen, deren Gunst sie mit Lebensmitteln oder für einige Kronen erkauften. Alles wurde im Stehen erledigt.“ Für den Zehnjährigen markierten diese Erlebnisse das „zu frühe, abrupte, grausame Ende meiner Kindheit“. Für die Zeitgenossen begann mit dem Großen Krieg das Ende der „Welt von Gestern“.

          Bernhard Bachinger/Wolfram Dornik (Herausgeber): Jenseits des Schützengrabens. Der Erste Weltkrieg im Osten: Erfahrung - Wahrnehmung - Kontext. Studienverlag, Innsbruck 2013. 472 S., 39,90 €.

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