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Berndt Seite : Der Doktor und das böse Vieh

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Tiefe Skepsis: Christoph, Sibylle, Annemarie und Berndt Seite (2015) Bild: Bertuch Verlag

Der Verantwortungsethiker Berndt Seite versteht sein Buch über die eigene Familie im Visier der DDR-Staatssicherheit als einen Beitrag gegen das bewusste oder unbewusste Vergessen und als Aufklärung über Macht-Mechanismen in Diktaturen.

          Kaum war Berndt Seite, der sich 1990 der CDU angeschlossen hatte, zum Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern (1992 bis 1998) gewählt, wurde er von Politikern aus den eigenen Reihen verdächtigt, in DDR-Zeiten mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zusammengearbeitet zu haben. Seine Reisen als Mitglied der evangelischen Landessynode von Mecklenburg-Vorpommern zu Tagungen und Treffen in der Bundesrepublik und in den Vereinigten Staaten von Amerika, ins „nichtsozialistische Wirtschaftssystem“, nährten den Verdacht, zu DDR-Zeiten ein privilegierter „Reisekader“ gewesen zu sein. Aufgrund dieser Vorwürfe nahm er 1992/93 Einsicht in das voluminöse Aktenkonvolut, das die Stasi mit annähernd 6000 Seiten über ihn angelegt hatte. Die Vorwürfe gegen ihn sind längst widerlegt - tatsächlich war er nicht „Täter“, sondern „Opfer“ -, doch lässt ihn die eigene Geschichtsbewältigung seither nicht mehr los.

          In seinem neuesten Buch, für das er die Form eines fiktiven Interviews mit sich, seiner Frau und seiner Tochter gewählt hat und in das er zahlreiche Zitate aus den Akten sowie 75 Faksimilekopien einstreut, befasst er sich eingehend mit den Methoden, denen er in der DDR in seinem privaten und beruflichen Leben durch Überwachung, Manipulation, Verführung, Einschüchterung und „Zersetzung“ durch die Stasi, dem „Schild und Schwert“ der SED, ausgesetzt war.

          Nachdem er schon 1957 als Student der Lockung, Informant der Staatssicherheit zu werden, widerstanden hatte, geriet er mit seiner Wahl 1977 in die Synode, dem Parlament der kirchlichen Selbstverwaltung, endgültig ins Visier des MfS. Obwohl die evangelische Kirche seit der BEK-Synode von Eisenach 1971 als „Kirche im Sozialismus“ in das System der SED-Diktatur integriert war, konnte sie sich einen, wenn auch begrenzten Freiraum und öffentlichen Einfluss wie auch Verbindungen zu internationalen Organisationen erhalten. Dies machte sie zu einem bevorzugten Zielobjekt des MfS für die konspirative Durchdringung, Überwachung und Instrumentalisierung ihrer Tätigkeitsbereiche und Kontakte.

          Viele ihrer führenden Repräsentanten erlagen den Anwerbeversuchen der Stasi, für sie als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) zu arbeiten. Nicht so Berndt Seite. Nach zwei Gesprächen mit Stasimitarbeitern fasste der „Kandidat“ mit seiner Frau den Entschluss, künftig jeglichen Kontakt mit dem MfS abzulehnen. Die Konsequenz war, dass Seite „eine politisch-negative beziehungsweise kritische Haltung zu gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen in der DDR“ attestiert wurde. Eine „Operative Personenkontrolle“ (OPK) mit dem Decknamen „Prediger“ zur Aufklärung seines gesamten Umfelds wurde angelegt, und schließlich folgte ein „Operativer Vorgang“ („Sanddorn“) mit dem Ziel der Kriminalisierung und Zersetzung der Person.

          Statt „Späher“ wurde Seite zum „Ausgespähten“ mit Telefonüberwachung und Observierung vor Ort. Dutzende IM waren auf ihn angesetzt, auch der direkte Nachbar, der unter anderem eine Skizze der Wohnung lieferte und mit dem er noch heute Zaun an Zaun lebt. Genauestens kontrollierte die Stasi auch seine Kontakte mit Mitarbeitern der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik (Objekt 499), die ihn besonders suspekt machten. Der Versuch, dem Tierarzt, der durch sein berufliches Engagement hohes Ansehen besaß, irgendwelche Fehler in der Ausübung seines Amts nachzuweisen und so strafrechtlich verfolgen und eine „landesverräterische Tätigkeit“ nachweisen zu können, schlug ebenso fehl wie der Versuch, die Tochter als IM zu gewinnen. Die Zulassung zum Studium wurde ihr verweigert. Sie floh schließlich 1989 über Ungarn in die Bundesrepublik. Im Fall eines nationalen Ausnahmezustands war vorgesehen, Seite in die Untersuchungshaftanstalt des MfS Neubrandenburg, seine Frau in ein Isolationslager zu verbringen (Aktion „Eisentür“).

          Der Verantwortungsethiker Seite versteht sein Buch keineswegs nur als eine Veröffentlichung zur eigenen Vergangenheitsbewältigung - im Gegenteil. Er versteht es vielmehr als einen Beitrag gegen das bewusste oder unbewusste Vergessen und als Aufklärung über Macht-Mechanismen in Diktaturen. Mit Nachdruck wendet er sich gegen eine Schlussstrich-Diskussion, die nicht nur von den Tätern und von der Linkspartei, die einen anderen Staat wolle, systematisch betrieben werde, sondern auch von der SPD in Thüringen, die einen Linken zum Ministerpräsidenten mitwählte. Er hadert mit der mangelnden rechtlichen Verfolgung der DDR-Täter, die nach 1989 ihre gerechte Strafe nicht erhielten und sich nicht schuldig fühlten, ebenso mit der Gleichgültigkeit, die den traumatisierten Opfern entgegengebracht werde; für sie verlangt er mehr Gerechtigkeit und Anerkennung, auch vom Staat.

          Wohl nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen ist Seite von tiefer Skepsis gegenüber menschlicher Unzulänglichkeit und Verführbarkeit durchdrungen. Immer wieder weist er - bei allem Vertrauen in die Demokratie - auf die Fragilität von Demokratien hin, die zerbrechen, wenn sie von den Bürgern nicht getragen werden. Als Grundsatz für jede Aktivität für die Freiheit müsse gelten, keine Furcht zu haben. Daher seine Forderung, nicht zu vergessen, sondern aus der Geschichte Lehren zu ziehen.

          Berndt Seite/Annemarie Seite/Sibylle Seite: Gefangen im Netz der Dunkelmänner. Ein Gespräch von Berndt, Annemarie und Sibylle Seite mit dem fiktiven Gesprächspartner Klaus Feld über die Akten, die das MfS über die Familie Seite angelegt hatte. Bertuch Verlag, Weimar 2015. 221 S., 19,50 €.

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