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Berater : Politik als Management

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Richtungslos sollte dabei allerdings nicht vorgegangen werden: Politische Macht sei nur legitim, wenn sie dem Gemeinwohl diene. Sie sei die „Macht über Form und Inhalt kollektiv verbindlicher Entscheidungen“. Dabei komme es auf Herrschaftskompetenz, Herrschaftswissen und Herrschaftsinstrumente an.

Wie das in der Praxis aussehen kann? Die Autoren bringen ein Vier-Phasen-Modell in Anschlag: Zunächst einmal müsse man alle Informationen beschaffen, die für die „Arena des Klienten“ wichtig seien, anschließend eine Auswahl treffen und eine Rangfolge erstellen. In der nächsten Phase gelte es, ein politisches Lagebild zu erarbeiten und den Klienten zu positionieren. Da kommt dann etwa heraus, dass die „Agenda 2010“ ein „Unique Selling Point“ (USP) der SPD unter Schröder gewesen sei. Kann man so ausdrücken, zwingend ist es nicht. (Man fragt sich auch, ob das Lambsdorff-Papier, eine der Wurzeln der Agenda, Anfang der Achtziger schon mal der USP der FDP war.) Der dritte Schritt sind die Entwicklungsszenarien, hier soll man die eigenen Stärken und Schwächen sowie die möglicher Verbündeter oder Gegner identifizieren. Daran schließen sich viertens die Strategiebildung und die Entwicklung eines Maßnahmenplans an, es geht um Allianzbildung, Themensteuerung und Dialogführung, die „universelle DNS jeder politischen Strategie“. Das ist Politik als Management.

Gelegentlich werden Beispiele eingebracht. Sie könnten das Buch anschaulicher machen, greifen jedoch oft zu kurz. Zum Historikerstreit der Achtziger heißt es etwa, er sei zu „keiner befriedigenden Konklusion“ gekommen und habe keinen „gesamtgesellschaftlichen Wertekonsens“ geschaffen. Hier offenbaren die Autoren eine sonderbare Vorstellung einer vergangenheitspolitischen Debatte, die Wissenschaftler in den Zeitungen des Landes austrugen: Warum sollte es ihr Ziel sein, auf eine Konklusion zuzusteuern? Zumal sich über eine zu diesem Zeitpunkt unzureichend erforschte Vergangenheit kaum ein Konsens herstellen lässt. Das Erstarken von Rechtspopulisten in der Bundesrepublik sei, so fahren die Autoren in diesem Zusammenhang fort, auch darauf zurückzuführen, dass die Frage nach „dem positiven Gehalt der deutschen Nationalerzählung“ nicht gelöst sei. An dieser Stelle trägt weder die Analyse noch mag die Forderung überzeugen. Denkt man das Argument zu Ende: Glauben die Politikberater wirklich, mit mehr positivem „Wir-Gefühl“ könnte man rechten Bewegungen beikommen? Hier schnellen sie von einer halbgaren These zur nächsten. Wenig aufschlussreich sind zudem Ausführungen, die eher in den Bereich der Lebensweisheiten gehören: „Nicht wahrhaftige Personen sind bigott, nicht vertrauenswürdige Personen sind prinzipienlos.“

Die Autoren greifen auf ein großes Korpus an Literatur zurück. Das Buch ist klar strukturiert und gut geschrieben. Dennoch: Man kann sich keinen Reim darauf machen. Theorie und Praxis finden hier nicht zusammen. Auch die Hybris irritiert. Die Vorstellung, alles sei eine Frage des Trainings, kulminiert in der Behauptung: Macht sei stets das, was man aus ihr macht. Als Handbuch für die Berater von heute wird der Band seinen Zweck womöglich erfüllen.

Dominik Meier/ Christian Blum: Logiken der Macht.

Politik und wie man sie beherrscht.

Tectum Verlag, Marburg 2018. 420 S., 29,95 .

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