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Benjamin Buchholz: Loya Jirga : Seit neunzig Jahren bewährt

  • -Aktualisiert am

Loya Jirga am 21. November 2013 in Kabul Bild: dpa

Benjamin Buchholz weist nach, dass nicht nur westliche Politiker und Medien zum Mythos der Loya Dschirga beitrugen, sondern vor allem afghanische Herrscher und auch nationalistisch gesinnte Historiker.

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          Westliche Politiker verweisen in der Diskussion um das Sicherheitsabkommen Afghanistans mit den Vereinigten Staaten neuerdings gern auf die Loya Dschirga, weil sie - anders als Präsident Hamid Karzai - den Entwurf des Abkommens im Dezember vergangenen Jahres abgesegnet hat. Dabei wird die „Große Ratsversammlung“ oft als eine Mischung aus urdemokratischer Institution und archaischer Stammestradition dargestellt. So sprach etwa Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kürzlich in einem Interview von „der Repräsentanz der afghanischen Bevölkerung schlechthin“. Diese Darstellung lässt nicht nur die Frage offen, wofür Afghanistan dann neben der Loya Dschirga überhaupt noch ein Parlament hat. Sie lässt auch außer Acht, dass es bei den meisten Ratsversammlungen in der afghanischen Geschichte wenig demokratisch zuging. So war etwa ein großer Teil der 2500 Delegierten der jüngsten Loya Dschirga im November 2013 von einer dem Präsidenten nahestehenden Kommission ausgewählt worden. Zudem wurde über das Sicherheitsabkommen mit Washington gar nicht abgestimmt, sondern die Billigung der Versammlung durch den Präsidenten gewissermaßen vorausgesetzt. Auf zustimmendes Murmeln im Saal sagte er: „Ich kann sehen, dass die Mehrheit der Mitglieder der Loya Dschirga dem zustimmt.“

          In der Medienberichterstattung wird zudem häufig der vermeintlich traditionelle Charakter der Versammlung unterstrichen - mit romantisch anmutenden Bildern von alten, bärtigen Männern mit großen Turbanen. Dabei waren bei der Loya Dschirga im vergangenen Jahr ein Viertel der Sitze für Frauen reserviert. Bei der Ratsversammlung von 1928 bestand König Amanullah Khan gar darauf, dass die Delegierten in Anzug und Krawatte erschienen. Und während der Zeit der kommunistischen Herrschaft waren viele Arbeiter und Bauern unter den Delegierten.

          Benjamin Buchholz will nun den Schleier der Verklärung über dieser afghanischen Institution lüften. Er weist nach, dass nicht nur westliche Politiker und Medien zum Mythos der Loya Dschirga beitrugen, sondern vor allem afghanische Herrscher und nationalistisch gesinnte Historiker. Die meisten offiziellen afghanischen Schriften zur Großen Ratsversammlung bis hin zur Website der amtierenden afghanischen Regierung datieren die erste Versammlung dieser Art auf das Jahr 1747 und verknüpfen sie mit dem Gründungsmythos der afghanischen Nation, der Krönung Ahmad Schah Durranis.

          Im Gegensatz dazu schreibt Buchholz ausgerechnet dem Reformkönig und übereifrigen Modernisierer Amanullah die Erfindung der Loya Dschirga zu. Als dieser 1923 erstmals eine solche einberief, die sich sowohl im Namen als auch im Format von allen früheren Versammlungsformen unterschied, betrachtete Amanullah diese als moderne Institution, die einen Neuanfang im Verhältnis zwischen Herrscherhaus und Stämmen markieren sollte. Erst ab Mitte der dreißiger Jahre begannen spätere Machthaber - mit Hilfe der Geschichtswissenschaft und staatlicher Medien - das Konzept der Loya Dschirga nachträglich auf frühere Treffen zwischen Herrschern und Stämmen zu projizieren und so eine vermeintliche Kontinuität zu konstruieren. Das zeigt Buchholz durch den Vergleich von Schulbüchern aus den Jahren 1921 und 1980.

          Faszinierend an Buchholz’ Analyse der Loya Dschirgas der vergangenen neunzig Jahre ist vor allem, wie flexibel sich diese Institution in den verschiedensten politischen Kontexten erwies - sie wurde von Monarchen und Kommunisten ebenso einberufen wie von Islamisten und Demokraten. Dabei ging es selten darum, dass die Delegierten Entscheidungen treffen sollten, sondern vielmehr darum, maßgeblichen Richtungsentscheidungen der Machthaber Legitimität zu verleihen und diese in alle Landesteile zu kommunizieren. Auch versicherte sich die Nation in Zeiten des Umbruchs und der Krise ihrer selbst und ihrer Werte. Trotz der offensichtlichen Vereinnahmung der Loya Dschirga durch die verschiedenen Machthaber scheint sie bis heute ihre symbolische Wirkmächtigkeit und Sinnstiftung nicht eingebüßt zu haben. Das liegt wohl auch an dem Begriff „Loya Dschirga“, denn Dschirgas sind in Afghanistan als Beratungsgremien auf allen gesellschaftlichen Ebenen präsent. Doch diese paschtunische egalitäre Tradition (die den Schuren im persischsprachigen Teil des Landes ähnlich ist) hat mit den auf die Herrschenden zugeschnittenen Loya Dschirgas wenig gemein.

          Buchholz hat wertvolle Informationen über eine bislang kaum erforschte, äußerst erfolgreiche und weltweit einzigartige politische Institution zusammengetragen. Als ursprüngliche Promotionsschrift, die chronologisch und in spröde-lexikalischem Ton die Geschäfts- und Sitzordnungen, Rederechte und Einladungsverfahren der verschiedenen Loya Dschirgas vergleicht, wird sie jedoch den meisten Lesern unzugänglich bleiben. Anekdoten über Intrigen, Finten und Posen der Herrschenden, die die afghanische Politik begreifbar und lebendig machen, sind leider im Buch ausgespart.

          Benjamin Buchholz: Loya Jirga. Afghanischer Mythos, Ratsversammlung und Verfassungsorgan. Rombach Verlag, Freiburg i. Br. 2013. 279 S., 34,- €-.

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