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Neue deutsche Identität : Nun sag, wie hast du’s mit der Integration?

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Marina und Herfried Münkler sprechen in der Berliner F.A.Z. Redaktion über ihr neues Buch „Die Neuen Deutschen“ Bild: Julia Zimmermann

Da sich das Verfasserehepaar Herfried und Marina Münkler nicht den Begriff der Leitkultur - weder in einer deutschen noch in einer europäischen Deutung - zu eigen machen will, erscheint Integration wie ein Marathonlauf, bei dem es gleichgültig ist, wo man am Ende angekommen ist.

          Das Ehepaar Herfried und Marina Münkler gehört dank der Allgegenwart des Ehemannes, des zur Zeit wohl bekanntesten deutschen Politologen, zu den medial führenden Intellektuellen in der Bundesrepublik. Davon auch selbst überzeugt zu sein, ist gewiss die Voraussetzung dafür, ein Buch mit dem Titel „Die neuen Deutschen“ zu verfassen. Geht es doch allem Anschein nach um den Anspruch, ein altes Volk neu zu bestimmen. Als rechtfertigender Anlass für diese riesige Aufgabe ist die Zuwanderung von etwa einer Million Fremder willkommen, „die sich irgendwie mit den Alteingesessenen arrangieren werden“, und es dabei mit einer deutschen Gesellschaft zu tun bekommen, die sich „neu definieren und eine veränderte Identität entwickeln muss“.

          Auch eine umfangreiche Darstellung kann Fehler im Sinne von fehlendem Scharfblick enthalten. Zwei aufeinanderfolgende Sätze auf Seite 12 lassen nichts Gutes auf den folgenden 320 Seiten erwarten: „Und immer [...] taucht offen oder insgeheim die Frage auf, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, sich all das zu ersparen, indem man Anfang September die Grenzen geschlossen und dafür gesorgt hätte, dass die Flüchtlinge irgendwo auf der Balkanroute gestoppt oder am Übersetzen auf die griechischen Inseln gehindert worden wären. Abgesehen davon, dass dies zu einer humanitären Katastrophe geführt hätte, wären so mit Sicherheit alle Erfolge zunichtegemacht worden, die die Europäer im zurückliegenden Jahrzehnt bei der Befriedung des mittleren Balkans erzielt haben.“

          So gewichtig diese Aussage daherkommt, so widersprüchlich ist sie und damit in der Summe falsch. Denn wären die Flüchtlinge „am Übersetzen auf die griechischen Inseln gehindert worden“, so hätte es auf dem Balkan all die Turbulenzen nicht gegeben, die Mazedonien, Serbien und Kroatien mehr oder weniger ins Schlingern gebracht haben. Auch eine „humanitäre Katastrophe“ wäre nicht eingetreten, wenn die Flüchtlinge „am Übersetzen“ - also nicht lediglich daran, an der griechischen Küste an Land zu gehen - „gehindert worden wären“. Wäre hingegen das Durchwinken die einzige Garantie zur Vermeidung einer „humanitären Katastrophe“ gewesen, dann hätten schon die ständigen Forderungen der Bundeskanzlerin, das Schlepperwesen zu bekämpfen, gegen humanitäre Grundregeln verstoßen. Und erst recht passt der Befund nicht zu dem von Berlin beförderten europäisch-türkischen Vertrag, der gerade das „Übersetzen“ verhindern soll.

          Der Knackpunkt war ein anderer als die Sorge um die Stabilität auf dem Balkan. Das ganze Frühjahr über wusste die Bundesregierung, dass ein anschwellender Flüchtlingsstrom zu erwarten sei. Am 19. August 2015 wurde schließlich amtlich die Zahl 800000 prognostiziert - als ginge es um einen Sturm mit Windstärke 20. Doch nirgends machte „Die Macht in der Mitte“ (so Münklers Buchtitel von 2015) Anstalten, „die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa“ (so der anspruchsvolle Untertitel) wahrzunehmen und als Primus inter Pares sowohl für sich wie für die betroffenen EU- und Schengenstaaten Abwehrmaßnahmen zu treffen. Wer das Wort Abwehr gegenüber Menschen schrecklich findet, behilft sich seither mit der nebelhaften „Reduzierung der Zahlen“ oder mit dem Wort „Obergrenze“. Das Autorenpaar selbst schreibt in anderem Zusammenhang vom „kontinuierlichen Abfluss von Menschen“.

          Das Buch ist zu umfangreich und der Zeitdruck bei Verfassern und Gegenlesern war wohl zu groß, um nicht selbstformulierte Fallen und energische Schritte mitten in diese hinein zu enthalten. Weil die Münklers überzeugt sind, dass „kontinuierliche Zuwanderung als Ausgleich für eine defizitäre biologische Reproduktion“ eine „historische Regel“ sei, führen sie als Beleg die großen Städte in Mesopotamien und im Niltal an, die über dreitausend Jahre „stets auf Zuzug aus dem sie umgebenden Land angewiesen waren“. Dies mag so sein, beweist aber nicht die Sinnhaftigkeit eines Zuzugs aus dreitausend Kilometer Entfernung in einem anderen, gar einem weltgeschichtlich einst und dereinst vielleicht wieder einmal konkurrierenden Kulturkreis.

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