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Aus tiefer Verehrung : Das letzte Wort behält der Titelheld

Auf dem Höhepunkt: Joseph Ratzinger als neu gewählter Papst Benedikt XVI. im Jahre 2005. Bild: dpa

Eine Biographie über Joseph Ratzinger, die kritisches weitgehend ausblendet.

          4 Min.

          Das Leben des Joseph Ratzinger bietet reichlich Stoff für eine packende Biographie: Der Sohn eines bayerischen Gendarmen wurde 2005 als erster Deutscher seit dem Mittelalter Papst – oder, je nach Definition, seit der frühen Neuzeit. Und er trat als erster Papst seit Jahrhunderten aus freien Stücken zurück; als Präfekt der Glaubenskongregation hatte er zuvor 24 Jahre lang eines der wichtigsten Ämter im Vatikan inne, und als Berater des Kölner Kardinals Josef Frings war er einer der prägenden Theologen des Zweiten Vatikanischen Konzils in den sechziger Jahren. Hinzu kommt ein kurzes Intermezzo als Erzbischof von München und Freising. Wenn die neue, rund 1100 Seiten umfassende Ratzinger-Biographie des Journalisten Peter Seewald der Erwartung einer packenden Erzählung nicht gerecht wird, dann liegt das vor allem daran, dass Seewald so vorgeht, wie in den vier Interview-Büchern mit seinem Protagonisten: Das letzte Wort überlässt er stets Benedikt XVI. Was in einem Interview in der Natur der journalistischen Sache liegt, lässt seine Biographie zur Apologie werden. Auf unabhängige Quellen und Gewährsleute, welche die Sicht Benedikts XVI. hinterfragen könnten, verzichtet der Autor.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Exemplarisch zeigt sich dieses Defizit an Seewalds Umgang mit einer Frage, an der kein Ratzinger-Biograph vorbeikommt: Wie kam es dazu, dass aus dem jungen progressiven Theologie-Professor Joseph Ratzinger, der die Abschaffung des Zölibats forderte und für einen Aufbruch in der katholischen Kirche stand, jener Präfekt der Glaubenskongregation wurde, der vor allem wegen seines Vorgehens gegen die lateinamerikanische Befreiungstheologie den Beinamen „Panzerkardinal“ erhielt? Und später jener Papst, der sich von früheren Positionen distanzierte und sie vergessen machen wollte? Seewald verweist zu Recht darauf, dass auch der junge Ratzinger nie ein Bilderstürmer gewesen sei. Und man könnte hinzufügen, dass der spätere Kardinal Ratzinger nicht so viel konservativer war als der damals handelsübliche vatikanische Monsignore. Dennoch lässt sich eine Veränderung kaum leugnen. Seewald setzt alles daran, die verbreitete „Legende“ zu widerlegen, dass es die Achtundsechziger-Bewegung gewesen sei, die Ratzinger, der damals in Tübingen lehrte, so nachhaltig traumatisiert habe, dass er zum theologischen Hardliner geworden sei, weil er die Kirche in ihren Grundfesten bedroht sah. Diese Lesart stützt sich vor allem auf Ratzingers früheren Tübinger Kollegen und späteren Widersacher Hans Küng.

          Seewald hat dazu akribisch Äußerungen von Zeitzeugen gesammelt, die Ratzingers Dialogbereitschaft gegenüber den studentischen Revoluzzern belegen sollen und Küngs allzu selbstgefälliger Darstellung widersprechen, Ratzinger habe sich damals im Gegensatz zu ihm, Küng, erschrocken ins Studierzimmer zurückgezogen und sei dann ins beschauliche Regensburg geflüchtet. So verdienstvoll diese alternative Rekonstruktion der Tübinger Zeit Ratzingers sein mag, die entscheidende Frage bleibt bei Seewald bezeichnenderweise offen, ja, er stellt sie nicht einmal: Wie erklärt sich dann, dass Benedikt XVI. auch nach Jahrzehnten geradezu obsessiv das Feindbild der Achtundsechziger-Bewegung heraufbeschwört? Zuletzt erregte er im vorigen Jahr mit einem Aufsatz Aufsehen, in dem er der Achtundsechziger-Bewegung eine Mitschuld am massenhaften sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche gab. Seewald zitiert stattdessen aus seinem letzten Interview-Buch mit dem emeritierten Papst. „War die Studentenrebellion ein Trauma für Sie?, hatte er wissen wollen. Die Antwort Benedikts XVI.: „Überhaupt nicht.“ Damit ist das Thema für Seewald in seiner Ratzinger-Biographie erledigt.

          Diese Vorgehensweise schmälert auch den Erkenntnisgewinn der Kapitel über das Pontifikat Ratzingers von 2005 bis 2013 und seinen Rücktritt erheblich. Seewald diagnostiziert nach einem anfänglichen „Benedetto-Fieber“, das seinen Höhepunkt im August 2005 mit dem Weltjugendtag in Köln erreichte und spätestens mit der Regensburger Rede im September 2006 verflogen war, die unter Muslimen weltweit Proteste hervorrief wegen eines Zitats über das Verhältnis des Islams zur Gewalt, einen „Bruch“ im Jahr 2009.

          Hervorgerufen worden sei er durch die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X., unter denen sich der Holocaust-Leugner Richard Williamson befand. Dies sei die „Sollbruchstelle“ gewesen, „durch die das Pontifikat des Deutschen kippte – mit Erschöpfungserscheinungen, die in ihrer letzten Konsequenz zur historischen Entscheidung der Demission führten“, resümiert Seewald. Die Datierung dieser Zäsur überzeugt, die Schilderung der Affäre selbst nicht: Auch hier übernimmt Seewald von vornherein vorbehaltlos die Sichtweise Benedikts XVI., dass es sich hierbei um eine Propagandaschlacht gegen seine Person gehandelt habe, und nur das Krisenmanagement im Vatikan mangelhaft gewesen sei. Seewald bemüht hier sogar den gewagten Vergleich mit der Dreyfus-Affäre in Frankreich. Seewalds Biographie ist handwerklich gut geschrieben und durchaus informativ. Aber ihr fehlt der große erzählerische Atem. Das Kapitel über Ratzingers Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation etwa beginnt mit einem historischen Exkurs über die Geschichte der heiligen Inquisition, die wie Seewald bemerkt, „maßvoller als so manche Inquisitoren in der modernen Medienwelt“ gewesen sei. Den einzigen Fehler, den Benedikt XVI. in Seewalds Sicht während seines Pontifikats begangen hat, ist, dass er in „Nibelungentreue“ zu Freunden und zu ihm ergebenen Mitarbeitern gestanden hat, von denen er sich besser getrennt hätte, allen voran Tarcisio Bertone, der als Kardinalstaatssekretär bis zum Rücktritt sein ranghöchster Mitarbeiter war.

          In seiner Biographie lässt Seewald, wie viele engagierte Verteidiger Benedikts XVI., etwas außer Acht: Nur weil Benedikt in Medien verzerrt oder falsch dargestellt wurde, muss das noch lange nicht bedeuten, dass seine eigene Sicht der Dinge immer richtig ist. Dass die Berichterstattung über Benedikt XVI. seiner Person oft nicht gerecht wurde, lässt sich kaum bestreiten. Dass die Schuld daran ausschließlich die Medien und ein schlechtes Krisenmanagement des Vatikans tragen sollen, bleibt hingegen auch nach 1100 Seiten eine unbelegte Behauptung Seewalds – und Benedikts XVI.

          Peter Seewald: Benedikt XVI. Ein Leben.

          Droemer Knaur Verlag, München 2020. 1184 S., 38,– .

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