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Aus Gästen werden Mitbürger : In der Salatschüssel deutscher Identität

Angeblich nur Gäste: Türken in Deutschland in den siebziger Jahren. Symbol für verpasste Integration? Bild: Henning Christoph/Das Fotoarchiv

Heute gilt: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Der Weg dahin war weit und schwierig.

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          Um 1751 geht die Angst vor einer deutschen Parallelgesellschaft im späteren amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania um. Die Deutschen, so heißt es, bauten Zäune um ihre Häuser, sie seien am liebsten unter sich, sie passten sich nicht an die amerikanische Kultur an, hingen sehr an ihrer Sprache – und würden Krankheiten mitbringen. Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, meinte zu dieser Zeit zu erkennen, die Deutschen hätten wie die Italiener, Franzosen, Russen und Schweden eher eine „olivfarbene“ Haut. Sie seien nicht weiß wie die Briten, was bei ihm Bedauern auslöste.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Es ist eine von vielen Episoden aus der Migrationsgeschichte der Deutschen, die der Historiker Jan Plamper in seinem Buch „Das neue Wir“ schildert. Sie stammt aus einer Zeit, in der Deutschland vor allem Auswanderungsland war. Manche der Vorurteile, die damals Siedler aus der Pfalz in Pennsylvania zu spüren bekamen, erlebten Vertriebene, Gastarbeiter und Flüchtlinge Jahrhunderte später auch in Deutschland. Plamper geht es, wie der Untertitel seines Buches deutlich macht, darum zu zeigen, „warum Migration dazugehört“. Er will eine „andere Geschichte der Deutschen“ erzählen. Dabei legt Plamper den Schwerpunkt auf die Einwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg.

          Er beginnt mit dem Schicksal vieler Vertriebener. In einer riesigen Zwangsumsiedlung verlieren mehr als zwölf Millionen Menschen in ehemals deutschen Gebieten ihr Zuhause und müssen in den vier Besatzungszonen ein neues Leben beginnen. An vielen Stellen verändert das die Sozialstruktur: Wo vorher fast ausschließlich Protestanten waren, ließen sich Katholiken nieder – und umgekehrt. In manchen Orten bildeten die Vertriebenen die Mehrheit, was bei Alteingesessenen Abwehrreflexe zur Folge hatte. Zitiert wird etwa der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer, der 1946 warnend anmerkte, die Vertriebenen dürften nicht den „preußischen Geist in unsere rheinische Jugend pflanzen“. Die Flüchtlinge sollten sich assimilieren, forderte er, sich der Geisteshaltung der Einheimischen fügen. Für das Gelingen der Integration in Westdeutschland war das rasche Wirtschaftswachstum aus Plampers Sicht entscheidend, aber auch das Vorgehen der Politik: einerseits die Gründung von Heimatvereinen für Sudetendeutsche zu unterstützen und gleichzeitig eine „ausdrückliche Einladung an die Kollektivkultur“.

          Im Fall der Gastarbeiter, die seit dem ersten Anwerbeabkommen 1955 mit Italien ins Land kamen, sollte es nicht um Einwanderung gehen, sondern um „befristete Arbeitsaufenthalte“. Tatsächlich gingen von den 14 Millionen Menschen, die meist für wenig Geld schwere Arbeit leisteten, elf Millionen später zurück in ihre Herkunftsländer, nur drei Millionen blieben in Deutschland. Sie haben das Land mitgeprägt. Plamper führt Namen wie Fatih Akin, Linda Zervakis, Mesut Özil oder Cem Özdemir an – sie alle sind Nachfahren von Gastarbeitern. Als ein Problem für die Integration identifiziert der Historiker, dass sich Deutschland lange selbst nicht als Einwanderungsland verstehen wollte. Manches, was schieflief, glaubt Plamper, hätte man vermeiden können, wenn man denen, die bleiben wollten, bereits in den Siebzigern die Möglichkeit gegeben hätte, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ihnen wirklich ermöglicht hätte, Deutsche zu werden – und gleichzeitig ihre eigene Kultur zu bewahren. Das hält Plamper, gerade auch im Hinblick auf das Einwanderungsland Amerika, für den aussichtsreichsten Versuch von Integration, die aber in der deutschen Geschichte oft als Assimilation missverstanden wurde.

          Plamper, der am Londoner Goldsmiths College Geschichte lehrt, ist dort stark, wo er Migration anhand konkreter Schicksale schildert. Seine Form der „narrativen Geschichtsschreibung“ hüpft zwischen dem ganz Großen und der Geschichte des Einzelnen hin und her. So schildert er unter anderem die Erfahrungen von Ibraimo Alberto, einem von etwa 150 000 bis 200 000 Vertragsarbeitern, die zwischen 1971 und 1986 in die DDR kamen. Alberto, der seine Geschichte 2014 in einem Buch veröffentlicht hat, schildert das „Getto“ der Vertragsarbeiterwohnungen, die drakonischen Strafen für Liebesbeziehungen mit DDR-Bürgern und wie einer seiner Freunde 1986 von Neonazis getötet wurde. Erst schlugen sie den ebenfalls aus Moçambique stammenden Mann zusammen, dann hielten sie ihn aus dem Fenster, immer tiefer, bis die Räder des Zuges ihn zerrissen. Die Tat wurde von den Behörden der DDR unter den Teppich gekehrt, Neonazis sollte es im antifaschistischen deutschen Staat nicht geben. Die Vertragsarbeiter, die auch aus Kuba, Vietnam und anderen Ländern kamen, erlebten Rassismus, der „sehr offen und sehr, sehr feindselig gewesen ist“. Trotzdem warnt Plamper vor westdeutscher Überheblichkeit – auch Gastarbeiter hätten oft Ausgrenzung und Rassismus erlebt.

          Bis auf das Kapitel der Vertragsarbeit, das Plamper eines der „schäbigsten der deutschen Geschichte“ nennt, geht es dem Autor darum, die Einwanderung als Erfolgsmodell zu beschreiben. Nichts wird verherrlicht, aber zumindest ein positives Bild auf das Feld geworfen, das in Debatten oft allein als Herausforderung beschrieben wird, selten als Gewinn. Im Fall der Flüchtlingskrise spricht er davon, dass sich in Deutschland eine der größten Bürgerbewegungen der Geschichte gebildet hat. Die Begeisterung dafür merkt man deutlich. Dass die Stimmung danach gekippt ist, führt er jedoch darauf zurück, dass „die Rechten“ den Diskurs auf ihre Seite gezogen hätten. Das greift zu kurz und wird der komplexen Stimmungsentwicklung, die tief in die Gesellschaft wirkte, nicht gerecht.

          Plamper will auch eine Antwort darauf finden, was deutsche Identität ausmacht. Verfassungspatriotismus, Leitkultur oder die Kulturnation, alle in den vergangenen Jahrzehnten vielfach diskutiert, lehnt er als identitätsstiftenden Rahmen ab, weil sie zu starr sind oder zu offen. Dass es jedoch eine Vorstellung von Heimat, von Zugehörigkeit brauche, hält Plamper angesichts der Stärke der AfD für unausweichlich. Es ist aus seiner Sicht aber auch nötig, weil viele Einwanderer aus Ländern mit starker nationaler Identität kommen. „Wenn man für diese Leerstelle nichts anbietet, überlässt man das Feld anderen.“

          Plamper will die Leerstelle mit Toleranz füllen. Ein Grundmaß garantierten ja bereits Gesetze. „Wenn aber Toleranz zu einer Art Markenzeichen wird, wenn die Deutschen stolz darauf sind, dass sie andere respektieren, dann wäre dies ein erweitertes, aktiveres Verständnis von Toleranz“, schreibt er. Er greift auf das in Amerika gebräuchliche Bild der Salatschüssel der Identität zurück. Darin finden viele sehr unterschiedliche Blätter Platz, nicht mehr bestimmt durch Abstammung – und zusammengehalten wird alles aber durch eine Art Wertekonsens, durch die Salatschüssel der Toleranz. Das erinnert in Teilen an Träume von Multikulti und bleibt ebenso oberflächlich wie der Ausblick, den Plamper in die Zukunft wirft. Denn diese sei „in jeder Hinsicht grenzenlos“. „Eines Tages werden nationale Grenzen wie ein Überbleibsel aus einer untergegangenen Epoche wirken, so wie die Sklaverei oder der Ausschluss von allgemeinen Wahlen.“

          Jan Plamper: Das neue Wir. Warum Migration dazugehört. Eine andere Geschichte der Deutschen.

          S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 400 S., 20,– .

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