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Aus dem Schatten : 1919 – 1989 – Systemtransformationen im Vergleich

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Erster Weltkrieg, Ostfront, deutsche Offiziere Bild: Picture-Alliance

Verdun - Versailles - und sonst? Hier wird endlich Europas Osten die gebührende Aufmerksamkeit zuteil, soweit es um den Ersten Weltkrieg geht.

          Im November 1914 trafen in dem kleinen Ort Praschnitz im südlichen Ostpreußen, dem heutigen polnischen Przasnysz, Hunderttausende russische und deutsche Soldaten aufeinander. In drei großen Schlachten, die bis Juli 1915 andauerten, kam es Schätzungen zufolge zu mehr als 100 000 Toten, Verwundeten, und Vermissten. Trotz dieser immensen Verluste auf beiden Seiten kennt heute kaum jemand diesen Ort. Er ist, wie viele andere Schauplätze des Ersten Weltkriegs im östlichen Europa, in Vergessenheit geraten. Denn während dieser Krieg in Frankreich und Großbritannien als „Großer Krieg“ in Museen, Gedenkstätten, Büchern und Filmen präsent ist und in Deutschland viele steinerne Denkmäler und Gedenktafeln bis in die kleinsten Dörfer auf die Toten und Vermissten des Krieges verweisen, entstand im östlichen Europa keine entsprechende Erinnerungskultur. Und auch die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg marginalisierte diesen Teil Europas – „der Osten“ galt als das exotische „Andere“ und fand nur selten Beachtung.

          Diese Wahrnehmungslücke zu schließen und die dominante Stellung der Westfront in der Erinnerungskultur und der Historiographie zum Ersten Weltkrieg herauszufordern ist das Ziel der Warschauer Historiker Włodzimierz Borodziej und Maciej Górny, deren zwei Bände zum „Vergessenen Weltkrieg“ jetzt in deutscher Übersetzung erschienen sind. Ihre Perspektive auf den Krieg ist überfällig. Denn auch in der Welle von wissenschaftlichen Veröffentlichungen im Zuge des hundertsten Jahrestags des Kriegsausbruchs blieb das östliche Europa weitgehend ausgeblendet.

          Die Autoren hinterfragen anhand der Ereignisse im östlichen Europa bekannte Narrative wie etwa das von der allgemeinen Kriegsbegeisterung oder gewohnte Zäsuren. Sie beginnen ihre Darstellung 1912 mit den Balkan-Kriegen, den Konflikten zwischen dem Osmanischen Reich, Serbien, Montenegro, Griechenland, Bulgarien und Rumänien, die sie als signifikanteren Prolog zum Kriegsausbruch als das „diplomatische Spiel“ des Jahres 1914 interpretieren, waren doch die Kriege der Jahre 1912 und 1913 hinsichtlich Taktik und verwendeter Waffen Konflikte desselben Typs wie der nachfolgende Weltkrieg. Auch das geläufige Enddatum 1918 bildet die Geschehnisse in weiten Teilen des östlichen Europa, nicht ab. Dort bedeuteten der Waffenstillstand vom November 1918 und die anschließenden Friedensverträge nicht, dass die Waffen schwiegen. Die Nationalstaatsbildungen waren von zahlreichen bewaffneten Konflikten um die neuen Grenzen begleitet. Gewaltausbrüche, Pogrome, Epidemien und Zwangsumsiedlungen prägten weiterhin den Alltag. Flucht, Evakuierungen und Deportationen infolge des Kriegs nahmen ein geradezu apokalyptisches Ausmaß an. Schätzungen zufolge waren 14 Millionen Menschen in Ostmitteleuropa und den Balkan-Staaten betroffen. Die Zwangsmigrationen fanden einen traurigen Höhepunkt im Vertrag von Lausanne von 1923, der den chronologischen Endpunkt der Bände bildet. Er regelte den Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland und sanktionierte nachhaltig und mit langlebigen Folgen die massenhafte Verschiebung und Entwurzelung von Menschen als ein legitimes Mittel von Politik.

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