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Atomwaffen : Fast alles schon einmal dagewesen

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Letztere definierte die deutsche Sicherheitspolitik auf der Basis eines „Gleichgewichtsprinzips mit Distanz zur ,Überbetonung‘ der verteidigungspolitischen Komponente“ dahin gehend neu, dass letztlich „deutsche Sicherheitsinteressen . . . nicht mehr ausschließlich im Nato-Rahmen verstanden, was mit dem bundesdeutschen Interesse an Verständigung mit der Sowjetunion, den Staaten Osteuropas und der DDR korrelierte“. Im Mittelpunkt stand nun „die Stabilisierung des Ost-West-Verhältnisses . . . anstatt primär . . . die Stärkung der NATO-Bindung“. Dass die resultierende Ostpolitik und die folgende „Verweigerung der nuklearen Teilhabe“ trotz konservativer Kritik und Befürchtungen der Nato-Partner letztlich kein Appeasement war, zeigte sich schließlich in den Verhandlungen um den Doppelbeschluss, in dem sich Helmut Schmidt, obwohl teilweise unter massivem Druck der anderen Nato-Nuklearmächte stehend, am Ende durchsetzte. Schließlich war die Bundesrepublik aufgrund ihres wirtschaftlichen und militärischen Gewichts aus amerikanischer Sicht mittlerweile in der Nato „our most important ally“.

Aus der aktuellen Perspektive sind zwei Aspekte der Untersuchung von besonderem Interesse: Das eine ist die Frage der Glaubwürdigkeit der amerikanischen nuklearen Sicherheitsgarantie für Deutschland und Europa angesichts wachsender nuklearstrategischer Risiken für Amerika selbst und der technologischen Möglichkeit, eine nukleare Drohung oder gar Auseinandersetzung auf Europa zu beschränken. Seit dem Ausbau der sowjetischen – heute russischen – nuklearen Fähigkeiten auf Kurz- und Mittelstreckenebene stellt sich damals wie heute aufgrund der geographischen Asymmetrie zwischen Amerika die Grundfrage, ob die Amerikaner „Deutschland und Westeuropa im Ernstfall zu Tode . . . bomben und/oder im Stich . . . lassen, während die Supermächte sich gegenseitig den Status von Sanktuarien zusicherten“. Daraus folgt offensichtlich das Anliegen, dass die Europäer zu ihrer eigenen Sicherheit auch die nukleare Abschreckung in die eigene Hand nehmen sollten. Emmanuel Macron lässt grüßen. Erhellend sind jedoch in diesem Zusammenhang zweitens die Ausführungen von Andreas Lutsch zur Ambivalenz der französischen Avancen bezüglich einer deutschen Teilhabe am nuklearen Schutzschild der V. Republik bereits zu Beginn der 1960er Jahre. Denn damals entstand laut Lutsch durch zweideutige Äußerungen Charles de Gaulles der „Mythos, . . . Frankreich sei . . . zur Bildung einer europäischen Atomstreitmacht durch eine wie auch immer geartete Europäisierung der force de frappe bei deutscher Teilhabe bereit. . . . Bis ,eine wirklich europäische Regierung‘ etabliert sei, bleibe die force de frappe das nationale französische Abschreckungspotenzial, das zur Verteidigung Europas eingesetzt werde“.

Im Lichte der aktuellen Initiativen des französischen Präsidenten zur Europäisierung der Sicherheitspolitik verstärkt das sehr lesenswerte und materialstarke Buch den Eindruck, dass die sicherheitspolitische Problematik der etablierten Nuklearmächte eine wesentlich größere Konstanz aufweist, als dies deutscherseits oftmals wahrgenommen wird. Entsprechend sind die gerade wieder aufbrechenden Debatten zwischen „Atlantikern“ und „Gaullisten“, wie sie etwa bei der Frage des Nachfolgemodells für den Tornado und den Eurofighter der Luftwaffe (auch als potentieller Atomwaffenträger) zu beobachten sind, aus einer breiteren zeit- und strategiehistorischen Perspektive alles andere als neu. Was natürlich nicht bedeuten muss, dass aus einer praktischen Identifikation von Emanuel Macron als Charles de Gaulle 2.0 auch zwingend ein erneutes Scheitern einer europäisierten nuklearen Abschreckung folgen muss.

Andreas Lutsch: Westbindung oder Gleichgewicht?

De Gruyter Oldenbourg Verlag, Berlin 2019.
878 S., 79,95 .

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