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Arthur Seyß-Inquart : Profilierungssucht im Rassenwahn

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Arthur Seyß-Inquart (links) 1938 in der Steiermark Bild: F.A.Z. Archiv

Aus Österreich stammend, zählte Arthur Seyß-Inquart zu den wenigen führenden Köpfen deutscher Kriegsherrschaft in Europa, die weder auf eine NS-Karriere im engsten Parteimilieu, noch auf eine Verwurzelung im SS-Machtapparat, noch auf unmittelbare Hitler-Nähe verweisen konnten.

          Der 1946 hingerichtete Arthur Seyß-Inquart zählt zu den weniger bekannten Großverbrechern des „Dritten Reiches“. Äußerlich an einen bieder-intellektuellen Lehrer erinnernd, bietet er das Beispiel eines ungewöhnlichen Täter-Aufstiegs im Nationalsozialismus. Aus Hitlers Heimat Österreich stammend, zählte er zu den wenigen führenden Köpfen deutscher Kriegsherrschaft in Europa, die weder auf eine langjährige NS-Karriere im engsten Parteimilieu noch eine Verwurzelung im Machtapparat der SS und ebenso wenig auf eine unmittelbare Hitler-Nähe verweisen konnten. Gleichwohl war er als Reichskommissar in den Niederlanden eine zentrale Figur der NS-Führungsriege und Haupttäter im eigentlichen Sinn: Sein Einsatz galt der Etablierung des Rassen- und Eroberungsstaates mit allen bekannten verbrecherischen Komponenten von Entrechtung und Plünderung bis zum Betreiben der Mordmaschinerie.

          Johannes Koll konzentriert sich auf das Wirken Seyß-Inquarts in den Niederlanden zwischen 1940 und 1945. Dessen Funktionen vor 1940 in Österreich und Polen sowie die Zeit als Angeklagter in Nürnberg nach Kriegsende sind kursorisch einbezogen. Kolls Anliegen ist denn auch keine umfassende Biographie, sondern ein spezifischer Forschungsbeitrag. Ihm geht es um die Frage, wie sich Seyß-Inquart „aus Sicht der Täterforschung typologisch fassen“ lässt. In Kolls Interpretation repräsentiert der Reichskommissar Seyß-Inquart eine „singuläre Karriere“. Koll geht von der These aus, „dass der Chef der nationalsozialistischen Zivilverwaltung in Den Haag als politische und administrative ,Zwischengewalt‘ zwischen Reichsführung, Reichszentralinstanzen, deutschen Dienststellen in den Niederlanden und einheimischen Kollaborateuren nicht nur nominell, sondern auch faktisch in hohem Maße die Politik der deutschen Besatzungsverwaltung bestimmt hat“. In dieser Perspektive ist Seyß-Inquart der idealtypische Repräsentant der sogenannten Zwischengewalt.

          Koll bietet eine geradezu enzyklopädische Analyse der Herrschafts-, Verwaltungs- und Verfolgungspraxis. Nach einer knappen biographischen Skizze für die Zeit bis 1940 sowie einem generellen Überblick der nach seiner Lesart von vier Phasen geprägten deutschen Herrschaft zwischen Mai 1940 und 1945 widmet er eigene Kapitel unter anderen den Bereichen Zivilverwaltung, Nazifizierung und Gleichschaltung, der nationalsozialistischen Bewegung der Niederlande, der Geiselpolitik und der Bekämpfung von Widerstand, der Wirtschaftspolitik sowie der nationalsozialistischen Kultur- und Wissenschaftspolitik.

          Weitere spezifische Abschnitte widmen sich der Verfolgung von Sinti und Roma sowie ausführlich der Judenverfolgung. Seyß-Inquart war als Reichskommissar dafür mitverantwortlich, dass die Niederlande „prozentual und in absoluten Zahlen bei den Deportationen“ die höchsten Ziffern aufzuweisen hatten: „Aus keinem der besetzten westeuropäischen Länder wurden derart viele Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager in Osteuropa deportiert.“ Für Seyß-Inquart war sein Engagement gegen die niederländischen Juden eine konsequente Fortsetzung seiner jahrzehntelangen völkischen Lebensauffassung und einer antisemitischen Haltung, die er bereits in den 1930er Jahren in Österreich vertreten und als stellvertretender Generalgouverneur in Polen in der Praxis erprobt hatte.

          Stand er in Krakau noch im Schatten von Generalgouverneur Hans Frank, so boten ihm die Niederlande nun ein eigenes Profilierungsgebiet. Für Seyß-Inquart verbanden sich dabei in selbstverständlicher Weise Ideologie und Karrierestreben: Als bekennender und „bis zum letzten Atemzug“ überzeugter Antisemit konnte er seinen Rassismus ausleben und sich durch entsprechende Aktionen im Herrschaftsgefüge profilieren. Seine moralische und vor allem praktische Mitverantwortung für die Judenvernichtung wollte Seyß-Inquart selbst angesichts der in Nürnberg in Fülle vorgebrachten Fakten nicht akzeptieren. Er provozierte durch die verharmlosende Betonung des Begriffs „Evakuierung“ und sein Bemühen um Rechtfertigung des genozidalen Massenmords.

          Obwohl Seyß-Inquart im Bewusstsein seiner Verantwortung unzählige Akten vernichten ließ und insbesondere Dokumente zu seinem Privatleben und seiner persönlichen Entwicklung nur spärlich vorliegen, ist die Vielzahl der von Koll aus den Quellen gehobenen Details und der adressierten Forschungsfragen überaus beachtlich. Die Ausführlichkeit mag den vermutbaren Kreis der über Fachfragen hinaus Interessierten eingrenzen. Das sollte aber nicht als Vorwurf verstanden werden, denn das Buch liefert jenseits der Informationen zu Seyß-Inquart und den Niederlanden eine Fülle von Einblicken in die strukturelle Komplexität und alltägliche Brutalität der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis. Sichtbar und lobenswert ist die Achtsamkeit des Autors, in seinem Stil eine passende Balance zwischen wissenschaftlicher Detail-Ausführlichkeit und sprachlicher Anschaulichkeit zu halten. Koll bietet ein gelungen-reflektiertes Forschungswerk, das neugierig macht auf das in seiner Einleitung angekündigte Folgewerk einer Gesamtbiographie dieses merkwürdig unscheinbaren, gleichwohl für die Verbrechensmaschinerie so wirksamen NS-Tätertypus.

          Johannes Koll: Arthur Seyß-Inquart und die deutsche Besatzungspolitik in den Niederlanden (1940-1945). Böhlau Verlag, Wien 2015. 691 S., 59,90 €.

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