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Arnold Suppan: Hitler - Beneš - Tito : Tiefpunkttreffen der Altösterreicher

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Himmler, Göring, der italienische Außenminister Ciano, Hiltler und Mussolini am 29. September 1938 in München Bild: Abb. aus dem besp. Band

Hitler, Beneš und Tito waren sich einig in der Ablehnung des etablierten Liberalismus, des katholischen Universalismus und der supranationalen Ordnung des Habsburgerreiches, und sie verachteten den „Parasitismus“ des Wiener Hofs.

          Über Ost-, Mittel- und Südosteuropa ist im vergangenen Vierteljahrhundert eine wahre Flut an Büchern hereingebrochen. Allerdings wurde die Geschichtsschreibung, wie Arnold Suppan anmerkt, „immer wieder in den Dienst der Vergangenheitsbewältigung gestellt, mittels Geschichtsklitterung wurden bestimmte Bestandteile der damaligen Realität besonders hervorgehoben, andere Aspekte bewusst marginalisiert oder gänzlich verschwiegen“. Suppan legt jetzt ein Mammutwerk zur Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas vor: Auf mehr als 2000 Seiten schildert er in drei kiloschweren Bänden die Geschichte der nationalen Konflikte, der Kriege und der Genozide, beginnend mit den Volkstumskämpfen in der Habsburgermonarchie über die beiden Weltkriege und ihr nationalistisches Zwischenspiel zu den kollektiven Entrechtungen und Enteignungen, Vertreibungen und Zwangsaussiedlungen bis hin zu den jüngsten Bemühungen, die im „Zeitalter der Extreme“ gelegten Minen erinnerungspolitisch zu entschärfen. Er behandelt die Dynamik, die die habsburgisch geprägte mitteleuropäische Lebenswelt gewaltsam zerriss und durch ethnische Säuberungen die Trennung von Deutschen und Österreichern auf der einen, Tschechen, Slowaken, Slowenen, Kroaten und Serben auf der anderen Seite besiegelte.

          In der Einleitung gibt der Autor einen Überblick über den Stand der Forschung und die erinnerungspolitischen Kontroversen in Österreich, Deutschland, der Tschechischen Republik, der Slowakei und in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Er verweist darin ohne diplomatische Umschweife auf faktographische Fehler und politisch induzierte Interpretationen. Und er nimmt weder auf akademische Empfindlichkeiten Rücksicht noch auf den Kodex der politischen Korrektheit „deutscher Fachhistoriker der 68er-Generation“. An Österreich kritisiert er die Tendenz, den Vertreibungskomplex „wider besseres Wissen“ aus der eigenen Geschichte zu lösen und in die deutsche auszulagern. Schon nach wenigen Seiten wird dem Leser klar, dass Suppan nicht darauf aus ist, Polemiken aus dem Weg zu gehen und Konflikten auszuweichen.

          Der gebürtige Kärntner des Jahrgangs 1945 lehrte von 1994 bis 2001 an der Wiener Universität, leitete von 1988 bis 2002 das Ost- und Südosteuropainstitut und von 2003 bis 2011 die Historische Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Als einer der wenigen Historiker beschäftigte sich Suppan schon während des Kalten Krieges intensiv mit „Zwischeneuropa“, dem geopolitischen Raum, der sich östlich von Deutschland und westlich von Russland von der Ostsee bis zur Adria und zum Schwarzen Meer erstreckt. Als die kommunistischen Regime stürzten, stand er bereits seit vielen Jahren mit tschechischen, slowakischen, ungarischen, südslawischen Historikern in Verbindung, war mit ihren wissenschaftlichen Stärken ebenso vertraut wie mit ihren politisch bedingten Schwächen.

          Historiker, die über die Geschichte dieses komplexen, sprachlich und kulturell heterogenen Raums im 20. Jahrhundert forschten, wurden als Politikberater nach 1989 unentbehrlich. Der Zerfall des sowjetischen Imperiums sowie der jugoslawischen und der tschechoslowakischen Föderation beanspruchte die Geschichte in ihrer doppelten Funktion als Lehrerin und Magd der Politik. Suppan beteiligte sich an den scharfen Debatten über die Benes-Dekrete ebenso engagiert wie an jenen über die Beschlüsse des „Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ), mit denen der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien die Existenzgrundlage entzogen wurde.

          In diesen politisch meist fruchtlosen und schließlich aus Ermattung eingestellten Debatten, mit denen sich im Vorfeld des tschechischen und slowenischen EU-Beitritts die Regierungen, die nationalen Parlamente und die Gremien der EU befassten, mangelte es, so Suppan, meist an der Berücksichtigung des „Gesamtzusammenhangs von nationaler Konfliktgeschichte - Besatzungspolitik - Widerstand - Kollaboration - Vergeltung - Vertreibung - Erinnerung“. Diesen Informations- und Bewertungsmangel will er beheben. Es geht ihm um eine schlüssige Antwort auf die Frage, wie es zu diesem „absoluten Tiefpunkt“ kommen konnte, den das Jahrzehnt zwischen 1938 und 1948 in der „tausendjährigen Beziehungsgeschichte zwischen den Bevölkerungen an Elbe, Moldau, Oder, March, Donau, Mut, Drau und Save“ darstellt.

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