https://www.faz.net/-gpf-8keu1

Arbeiterleben im Kaiserreich : Eine Klasse für sich

  • -Aktualisiert am

Der Helm eines Bauarbeiters an einem Holzpfosten Bild: AP

Vor dem Leser entfaltet sich ein breites Panorama der Lebenswelt der deutschen Arbeiterbevölkerung zwischen etwa 1830 und 1870/71. Geographischer Bezugsrahmen ist das Gebiet des späteren Deutschen Reiches.

          4 Min.

          Mit dem Tod von Hans-Ulrich Wehler und Gerhard A. Ritter hat die moderne Sozialgeschichte in Deutschland unlängst kurz hintereinander zwei ihrer wichtigsten Protagonisten verloren. Daher dürfte der 1941 geborene Jürgen Kocka der prominenteste verbliebene Vertreter einer Forschungsrichtung sein, die in der alten Bundesrepublik ihren Aufstieg zu einer zeitweiligen Dominanz in der Geschichtswissenschaft seit den 1960er Jahren erkämpfte. Ihm wird man aber zugutehalten müssen, dass er sich stets der Grenzen und Probleme des sozialgeschichtlichen Ansatzes sowie der beständigen Konkurrenz anderer historischer Frage- und Erklärungsmuster bewusst geblieben ist - und dass er zugleich an der Überzeugung festgehalten hat, dass dieser Ansatz noch immer ertragreich sein kann.

          Das zeigt die nun publizierte Darstellung über „Arbeiterleben und Arbeiterkultur“. Kockas Hartnäckigkeit geht schon aus dem Umstand hervor, dass das Buch als Band 3 der „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“ die beiden Bände 1 und 2 der Reihe ergänzt, die er ebenfalls vorgelegt hat - und zwar bereits 1990. Und es mutet auf den ersten Blick beinahe schon ein wenig trotzig an, dass er im Untertitel am Begriff der Klasse festhält, der auch im Titel der beiden ersten Bände auftauchte („Weder Stand noch Klasse“ und „Grundlagen der Klassenbildung im 19. Jahrhundert“).

          Seitdem gerade im Jahr des Erscheinens der beiden ersten Bände die DDR endgültig bankrottging und verschwand, ist mit dem vorgeblichen „Arbeiter- und Bauernstaat“ auch dessen Vokabular aus dem Bewusstsein der Mehrheit der Mitlebenden geschwunden. „Klasse“ als Bezeichnung einer gesellschaftlichen Gruppe erscheint den meisten heute wohl fremd. Dennoch vermag Kocka in der Einleitung schlüssig zu begründen, dass der Klassenbegriff gerade zur Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen im frühen und mittleren 19. Jahrhundert nach wie vor handhabbar ist. Und zwar in Anlehnung an Überlegungen von Marx, Engels und insbesondere von Max Weber,

          allerdings dezidiert „ideologisch entschlackt“ und „ohne alle geschichtsphilosophisch-teleologischen Ansprüche à la Marx“.

          Die begriffliche und theoretische Grundlage des neuesten Bandes wird noch deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Reihe in den 1970er Jahren auch als Gegenentwurf zur umfänglichen „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ konzipiert wurde, welche die SED-gesteuerte, strikt ideologiegebundene DDR-Geschichtswissenschaft 1966 vorgelegt hatte. Kockas Band stellt eine beeindruckende Tiefenbohrung dar und profitiert von 34 eigenen Veröffentlichungen zum 19. Jahrhundert, die im Literaturverzeichnis aufgelistet sind. Die Einleitung bietet einen knappen Abriss über (sozial-)geschichtliche Forschungskonjunkturen bis zur Gegenwart. Kocka knüpft damit nicht einfach an ein 40 Jahre altes Konzept an, sondern lässt inzwischen erarbeitete Kenntnisse (etwa zur damals nahezu unbekannten Arbeitergeschichte im außereuropäischen Raum) einfließen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.