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Apartheid : Gratwanderung im Namen Gottes

  • -Aktualisiert am

Symbol: Anti-Apartheid Bank - aufgestellt auf der Frankfurter Buchmesse. Bild: Imago

Diskriminierung wegen der Hautfarbe ist Sünde - sollte man meinen. Für Kirchen in Südafrika war das lange Zeit nicht so.

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          In Vers 13 des Römerbriefes heißt es: „Jeder soll sich der Ordnungsmacht des Staates fügen. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott verliehen wird.“ Wie also ist aus theologischer Perspektive und in christlicher Praxis mit einem Unrechtsstaat umzugehen? In „Brückenbauen gegen Apartheid?“ untersucht der Historiker Sebastian Justke, wie westdeutsche Pfarrer, die in den siebziger und achtziger Jahren in deutschsprachige Gemeinden in Südafrika und Namibia entsandt wurden, Apartheid wahrnahmen und darauf reagierten.

          Evangelisch-lutherische Kirchen stellten für deutsche Siedlungen im südlichen Afrika seit Beginn der Kolonisierung einen sozialen, kulturellen und identitätsstiftenden Kristallisationspunkt dar. In den 1960er Jahren organisierten sie sich in vier regionalen Kirchenverbänden, deren Mitglieder ausschließlich Deutsche, deutschsprachige oder deutschstämmige Südafrikaner oder Namibier waren. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unterstützte diese Kirchen finanziell und personell mit der Entsendung von deutschen Pfarrern. Getrennt davon organisiert waren die evangelisch-lutherischen Kirchen der nichtweißen Mehrheitsbevölkerung, die durch deutsche Mission entstanden waren.

          Die deutschsprachigen Gemeinden zählten in den siebziger und achtziger Jahren bis zu 40 000 Mitglieder. Als Weiße waren diese durch die Apartheid privilegiert und lebten gleichzeitig in zunehmender „Existenzangst“ vor dem Umsturz der Mehrheitsgesellschaft. Insbesondere unter den im südlichen Afrika geborenen Gemeindemitgliedern hingen viele einem „völkisch-kulturellen Denken“ und „imaginierten Deutschtum“ an, das sich von sozialen Entwicklungen in der Bundesrepublik längst entkoppelt hatte.

          Kirche spielte im Apartheid-Südafrika eine akzentuierte Rolle auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Die Nederduitse Gereformeerde Kerk, die afrikaanssprachige Kirche der burischen Bevölkerung, lieferte dem Apartheidregime bis in die 1980er Jahre die kirchliche Legitimation der Rassentrennung. Auf der anderen Seite wendeten sich Teile der englischsprachigen Kirchen seit den 1940er Jahren aktiv gegen die Rassentrennung, die sie als „Gotteslästerung“ verurteilten.

          Die evangelisch-lutherischen Kirchen zeichneten sich lange durch Schweigen zu politischen Fragen aus. In Gemeinden der schwarzen Mehrheitsbevölkerung, die oft von weißen Pfarrern geführt waren, brach diese Haltung ab den sechziger Jahren auf. Das führte zu Spannungen zwischen den lutherischen Kirchen. Denn die deutschsprachigen Gemeinden verweigerten sich weitgehend den politischen Positionierungen und begründeten dies unter anderem mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre.

          Als Stimmen gegen das Apartheidregime international lauter wurden, geriet die EKD für die Förderung der segregierten deutschsprachigen Gemeinden in die Kritik. Der Mainzer Arbeitskreis Südafrika von ehemals vor Ort tätigen Pfarrern und Kirchenmitarbeitern verlangte 1972, die Unterstützung der Gemeinden einzustellen. In der Reaktion positionierte sich die EKD seit Anfang der siebziger Jahre entschiedener gegen die Apartheid, setzte die Förderung aber fort. Sie argumentierte, dass ihr die Fortführung der Verträge größere Einflussnahme ermöglichen würde. So forderte die EKD von den deutschsprachigen Kirchen, auf eine Einheit der lutherischen Kirche über Rassengrenzen hinweg hinzuarbeiten, und beauftragte ihre Pfarrer, die ökumenische Zusammenarbeit aufzubauen.

          Dadurch befanden sich die entsandten Seelsorger seit den siebziger Jahren in einem Spannungsfeld zwischen ihren Apartheid-treuen Gemeinden auf der einen Seite und den Erwartungen der EKD auf der anderen Seite, für die sie kaum institutionelle Rückendeckung erhielten. Dabei gab es sogar entsandte Pfarrer, die mit der Idee der Apartheid sympathisierten oder sie unterstützten. Die meisten Pfarrer lehnten die Apartheidpolitik zwar ab, ihr Engagement für die Einheit der Kirchen und gegen Rassendiskriminierung war allerdings sehr unterschiedlich ausgeprägt.

          Einzelne Geistliche versuchten, durch die theologische Auseinandersetzung mit der Apartheid ihre Gemeinden zu erreichen. Durch Besuche, gemeinsame Feste oder den „Kanzeltausch“ ermöglichten sie Mitgliedern ihrer Gemeinden, die dafür offen waren, Begegnungen mit der Mehrheitsbevölkerung. In den achtziger Jahren kamen Partnerschaften mit schwarzen lutherischen Gemeinden dazu. Es gab auch Pfarrer, die explizit politische Stellungnahmen wagten und dabei ein persönliches Risiko eingingen. Obwohl sie auf individueller Ebene Menschen bewegen konnten, waren die Bemühungen insgesamt von wenig Erfolg gekrönt und trafen auf entschiedenen Gegenwind der Gemeinden. Bei einigen Pfarrern führte dies dazu, dass sie zurücktraten beziehungsweise die EKD sie zurückrief.

          In der kenntnisreichen Dissertation zeigt Sebastian Justke großes Verständnis für das Verhalten der westdeutschen Seelsorger und ihrer Gemeinden. Dagegen wirkt sein Verständnis von Apartheid stellenweise eng gefasst. Denn das System der Apartheid baute nicht nur auf der konkreten Politik der Rassentrennung und Entrechtung auf, dem die Pfarrer zustimmten oder nicht, und es war auch mit Begegnungen zwischen den verschiedenen Gruppen noch nicht überwunden. Das Apartheidsystem beruhte ebenso auf ökonomischer Ausbeutung beziehungsweise wirtschaftlichen Privilegien und einer umfassenden Ideologie, die sich durch kulturelle Institutionen und Lebensweisen im Alltag reproduzierte und legitimierte. Der Umgang der Pfarrer mit ihrer wirtschaftlich privilegierten Situation könnte deshalb ein wichtiger „Sehepunkt“ sein, der in der Untersuchung zu kurz kommt.

          Wenn wir Apartheid als umfassendes System verstehen, erklärt sich, dass sich die deutschsprachigen Gemeindemitglieder von Apartheidkritik persönlich angegriffen fühlten oder dass sie Begegnungen auf Augenhöhe als „Angriff auf die eigene Lebensweise“ verstanden. Natürlich stellte innerhalb des Apartheidsystems jegliche Begegnung, in der Menschen verschiedener Gruppen sich als Menschen anerkannten, das System als Ganzes in Frage. Umgekehrt stellte auch Kritik an der Apartheid das Individuum mit seinen Privilegien und seinem Selbstverständnis als höherwertiger Mensch in Frage. Es verwundert, dass der Autor sich immer wieder bemüßigt fühlt, die „emotionale Reaktion“ der Gemeindemitglieder auf solche Kritik zu erklären.

          Ein weiterer Punkt, der stärker herausgearbeitet werden könnte, ist, dass die deutschen Auslandspfarrer und die Evangelische Kirche in Deutschland, selbst wenn sie Initiativen zum „Brückenbauen“ in die Wege leiteten, von eigenem Rassismus (historisch) geprägt waren. Schließlich ist auch Rassismus ein politisches, wirtschaftliches und ideologisches Konstrukt, das weder mit der Ära der Apartheid begann noch mit ihr verschwand.

          Sebastian Justke: „Brückenbauen“ gegen Apartheid? Auslandspfarrer in Südafrika und Namibia.

          Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 496 S., 46,– .

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