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Apartheid : Gratwanderung im Namen Gottes

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Dadurch befanden sich die entsandten Seelsorger seit den siebziger Jahren in einem Spannungsfeld zwischen ihren Apartheid-treuen Gemeinden auf der einen Seite und den Erwartungen der EKD auf der anderen Seite, für die sie kaum institutionelle Rückendeckung erhielten. Dabei gab es sogar entsandte Pfarrer, die mit der Idee der Apartheid sympathisierten oder sie unterstützten. Die meisten Pfarrer lehnten die Apartheidpolitik zwar ab, ihr Engagement für die Einheit der Kirchen und gegen Rassendiskriminierung war allerdings sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Einzelne Geistliche versuchten, durch die theologische Auseinandersetzung mit der Apartheid ihre Gemeinden zu erreichen. Durch Besuche, gemeinsame Feste oder den „Kanzeltausch“ ermöglichten sie Mitgliedern ihrer Gemeinden, die dafür offen waren, Begegnungen mit der Mehrheitsbevölkerung. In den achtziger Jahren kamen Partnerschaften mit schwarzen lutherischen Gemeinden dazu. Es gab auch Pfarrer, die explizit politische Stellungnahmen wagten und dabei ein persönliches Risiko eingingen. Obwohl sie auf individueller Ebene Menschen bewegen konnten, waren die Bemühungen insgesamt von wenig Erfolg gekrönt und trafen auf entschiedenen Gegenwind der Gemeinden. Bei einigen Pfarrern führte dies dazu, dass sie zurücktraten beziehungsweise die EKD sie zurückrief.

In der kenntnisreichen Dissertation zeigt Sebastian Justke großes Verständnis für das Verhalten der westdeutschen Seelsorger und ihrer Gemeinden. Dagegen wirkt sein Verständnis von Apartheid stellenweise eng gefasst. Denn das System der Apartheid baute nicht nur auf der konkreten Politik der Rassentrennung und Entrechtung auf, dem die Pfarrer zustimmten oder nicht, und es war auch mit Begegnungen zwischen den verschiedenen Gruppen noch nicht überwunden. Das Apartheidsystem beruhte ebenso auf ökonomischer Ausbeutung beziehungsweise wirtschaftlichen Privilegien und einer umfassenden Ideologie, die sich durch kulturelle Institutionen und Lebensweisen im Alltag reproduzierte und legitimierte. Der Umgang der Pfarrer mit ihrer wirtschaftlich privilegierten Situation könnte deshalb ein wichtiger „Sehepunkt“ sein, der in der Untersuchung zu kurz kommt.

Wenn wir Apartheid als umfassendes System verstehen, erklärt sich, dass sich die deutschsprachigen Gemeindemitglieder von Apartheidkritik persönlich angegriffen fühlten oder dass sie Begegnungen auf Augenhöhe als „Angriff auf die eigene Lebensweise“ verstanden. Natürlich stellte innerhalb des Apartheidsystems jegliche Begegnung, in der Menschen verschiedener Gruppen sich als Menschen anerkannten, das System als Ganzes in Frage. Umgekehrt stellte auch Kritik an der Apartheid das Individuum mit seinen Privilegien und seinem Selbstverständnis als höherwertiger Mensch in Frage. Es verwundert, dass der Autor sich immer wieder bemüßigt fühlt, die „emotionale Reaktion“ der Gemeindemitglieder auf solche Kritik zu erklären.

Ein weiterer Punkt, der stärker herausgearbeitet werden könnte, ist, dass die deutschen Auslandspfarrer und die Evangelische Kirche in Deutschland, selbst wenn sie Initiativen zum „Brückenbauen“ in die Wege leiteten, von eigenem Rassismus (historisch) geprägt waren. Schließlich ist auch Rassismus ein politisches, wirtschaftliches und ideologisches Konstrukt, das weder mit der Ära der Apartheid begann noch mit ihr verschwand.

Sebastian Justke: „Brückenbauen“ gegen Apartheid? Auslandspfarrer in Südafrika und Namibia.

Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 496 S., 46,– .

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